Analog oder digital – was klingt besser?

By | 7. Oktober 2012

Viele Musiker sind im digitalen Zeitalter aufgewachsen und kennen Tonbandaufnahmen nicht mehr aus eigener Erfahrung. Schnell entstand der Mythos vom einzigartigen „warmen“ Sound analoger Aufnahmen. Auch Hardware wie Mischpulte, Kompressoren oder Hallgeräte aus vordigitaler Zeit erreichten Kultstatus. Ich möchte aus meiner persönlichen Erfahrung berichten und Vergleiche anstellen.

Tasse

Ein Werbegeschenk mit nützlichen Formeln für analoge Bandaufnahmen. Besonders gefällt mir der Spruch ganz unten!

In einer Musikzeitschrift las ich vor kurzem einen Artikel über Jack White und die Produktion seines erfolgreichen Albums „Blunderbuss“. Das Album wurde überwiegend auf einer 8-Spur Tonbandmaschine aufgenommen. Im Interview meint Jack White, dass es ein gewaltiger Unterschied sei, ob man eine digitale Aufnahme anhöre, oder die Musik vom Band käme. Sollte man deshalb den Computer einmotten und sich nach gebrauchtem Analog-Equipment umsehen?

Hier zunächst meine persönlichen Erfahrungen damit.

Alles analog

Anfang der 1970er-Jahre gründeten mein Bruder Norbert und ich die Band „Thirsty Moon“. Wir bekamen einen Schallplattenvertrag beim Label „Brain“ und nahmen fünf LPs mit 8-Spur, 16-Spur und zuletzt 1979 mit 24-Spur-Technik auf. Das verschaffte uns einen Einblick in die Arbeit professioneller Studios.

Obwohl man in dieser Zeit bewusst begann, „Sound“ zu produzieren, auch mit Verfremdung durch Delays, Flanger und ähnliche Geräte, sprach niemand davon, dass Bandmaterial oder Röhrengeräte für einen besonderen, warmen Sound zuständig wären. Was auf Band aufgenommen wurde, sollte bei der Wiedergabe möglichst identisch klingen. Bandrauschen war der größte Feind, Mehrspurmaschinen wurden deshalb mit teueren Dolby Rauschunterdrückungssystemen ausgerüstet. Ein Techniker musste die Bandmaschinen regelmäßig einmessen. Tonköpfe mussten entmagnetisiert werden. Wer kennt das heute noch?

„If it’s not labeled use it“

Dieses Prinzip sorgte manchmal doch dafür, dass gelöscht wurde, was nicht gelöscht werden sollte. Auf jeder Spule und jedem Karton gleich einen Aufkleber oder eine Beschriftung anzubringen war überaus angesagt. – Ich weiß, Computerdateien kann man auch löschen! 😉

Vinyl

Für die Schallplatte war es wichtig, nicht zuviel Tiefbass auf der Aufnahme zu haben, weil der empfindliche Stichel beim Schneiden der Masterfolie sonst Schaden nehmen konnte. Der letzte Titel auf einer Seite einer LP sollte möglichst wenig Bass und Lautstärke haben, weil die Rillen dort enger sind und die Abtastnadel eventuell aus der Rille springen kann. Das sind nur einige Probleme, die bei Aufnahme und Wiedergabe mit Analogtechnik entstehen.

Do it yourself

In den 80-er Jahren setze ich mich selbst hinters Mischpult und betrieb ein kleines Studio für Demoaufnahmen von Folk bis Heavy Metal. Letztere Musikrichtung brachte heftigen Ärger mit einer Nachbarin – aber das ist eine andere Geschichte und die soll (vielleicht) ein anderes Mal erzählt werden. Meine Bandmaschine war ein Teac 8-Spur-Gerät. Zwei Revox Stereomaschinen PR 99 waren für Abmischung  und Kopien zuständig. Ich lernte Bänder zu schneiden und mit Klebestreifen zu editieren. Wenn man eine Tonbandspule mit der Hand drehte, konnte man hören, wo die Bassdrum einsetzte und taktgenau schneiden. Von „non-destructive“ konnte keine Rede sein und eine „Undo“-Funktion gab es auch nicht nicht.

Wir sind die Roboter

Gleichzeitig erwachte mein Interesse für Synthesizer. Moog Prodigy und Roland Juno 60 wurden von einem Hardware Sequenzer gesteuert, die Roland TR-808 ließ sich dazu synchronisieren, das war toll. Die Klangerzeugung war analog. Auf dem Hardware-Sequencer stand „Computer Controlled“, ein erster Schritt in Richtung des digitalen Zeitalters.

1984

Big Brother ließ sich im Orwell-Jahr noch nicht wirklich blicken, dafür erblickte der Yamaha DX 7 als erster halbwegs erschwinglicher Digitalsynthesizer das Licht der Musikgeschäfte. MIDI wurde zum Standard. Der Commodore C 64 mit Interface wurde zum Sequenzer. Mit der Software des späteren Steinberg-Manns Werner Kracht konnte ich Musik am Monitor komponieren. Ziemlich cool.

One man band

Nach einem Umzug in andere, kleinere Räume sagte ich mir „Ich bin die Band“. Einige Werbeaufträge ermöglichten die Anschaffung eines Atari Computers, einer neuen 8-Spur und diverser Synthesizer-Module, die vom Masterkeyboard über MIDI angesteuert wurden. Ein Emu Emax Sampler kam auch dazu.

Millenium

Mit dem neuen Jahrtausend wurde mein Studio auf Apple Computer und die Software Emagic Notator Logic, später Apple Logic Pro umgestellt. Es begann die Phase des Hybrid Studios. Meine 8-Spur Tonbandmaschine diente zur Aufnahme von Gesang und Gitarre, Keyboardinstrumente wurden per MIDI vom Computer angesteuert, der Mix erfolgte über ein Yamaha ProMix 01 Mixer auf DAT. Die Digitaltechnik nahm immer mehr Raum ein.

Feste Platten und weiche Ware

Harddisk Recording war der nächste logische Schritt und Software ersetzte nach und nach auch die Synthesizer, den Sampler und die Effektgeräte, zuletzt auch das Mischpult. Ich gebe zu, ich hänge an meinen Geräten, aber soll man warten, bis das letzte Display verblasst ist (wie das bei meinem Roland D-550 geschah) und das letzte Lämpchen verloschen, so dass niemand mehr einen Cent auf ebay dafür ausgibt? Der Entschluss, fast alle „Outboard“-Geräte abzuschaffen, wurde gefasst, nachdem ich mich gefragt hatte: „Welche Instrumente oder Geräte habe ich seit Jahren nicht mehr benutzt und wie wahrscheinlich ist es, dass ich das je wieder tun werde?“

Warum Software anstatt Hardware?

Meine Digital Audio Workstation, kurz DAW, erlaubt es mir, fast beliebig viele Spuren anzulegen. Equalizer, Compressor und Effekte kann ich in jeder Spur, so viele einsetzen, wie es die Rechenleistung des Host-Computers erlaubt, deshalb habe ich mir einen leistungsstarken Mac Pro angeschafft. Ein Software Plug-in, ob Instrument oder Effekt, entspricht nicht einem einzelnen Hardware-Gerät, sondern es lassen sich beliebig viele Instanzen einsetzen. Ich habe damit die Möglichkeiten eines großen Studios mit gut gefüllten Effektracks „in the box“.

Was klingt nun besser?

Diese Frage lässt sich meiner Meinung nach nicht generell beantworten. Eine digitale Produktion läuft Gefahr zu perfekt zu klingen, besonders dann, wenn nur Samples und virtuelle Instrumente als Tonerzeuger dienen. Kein Übersprechen bei den Schlagzeugmikrofonen, saubere Töne ohne Anschlaggeräusche bei den Keyboards und Sampling-Gitarren, perfektes, weil quantisiertes Timing. Das klingt dann schnell nach Produktionen wie „Gesang der Südseekorallen“, erhältlich neben der Kasse in der Drogerie. Manche Leute nennen das „Entspannungsmusik“.

Aber digital produzierte Musik muss nicht so klingen. Viele Plug-ins bieten Sättigungseffekte, z.B. Mastering Plug-ins wie Brainworx bx_XL oder IK Multimedia T-Racks. Hier wird der Sättigungseffekt nachgeahmt, der bei voll ausgesteuerten oder sogar leicht übersteuerten Magnettonbandaufnahmen entsteht.

Klingt eine analoge Bandaufnahme anders als eine digitale Aufnahme?

Ja, wegen des oben genannten Sättigungseffekts. Bei hohem Pegel entsteht eine leichte Kompression und es werden Obertöne generiert, die eigentlich Verzerrungen sind, aber als angenehm empfunden werden. Alles, was das Klangspektrum verändert, ist eigentlich eine Verzerrung, deshalb heißen Equalizer auf deutsch auch Entzerrer. Als ich in den 80ern Kopien meiner eigenen Masterbänder hergestellt habe, hatte ich manchmal den Eindruck, die Kopie klinge transparenter, druckvoller, einfach besser als das Original. Ich hielt das für Einbildung, aber sicher habe ich unbewusst den Sättigungseffekt erzielt, denn ich habe immer so ausgesteuert, dass die Zeigerinstrumente nicht über 0 dB anzeigten, aber die Peak-LEDs im Rhythmus der Drums blinkten. Ein hoher Pegel war wichtig, damit das Bandrauschen nicht hörbar wurde.

Der kleine Kompromiss

Bei Mikrofonaufnahmen fand ich es schon immer optimal, meinen UREI 1178 Kompressor/Limiter im Aufnahmeweg zu haben. Das Gerät habe ich behalten und das Mischpult durch einen 2-Kanal Channel Strip ersetzt, so dass ich direkt bei der Mikrofonaufnahme Kompression und etwas Retro-Färbung im Sound bekomme.

Back to Jack

Jack White ist der vielleicht beste Gitarrist unter den Schlagzeugern. Nachdem ich ihn live online beim iTunes Festival gesehen und gehört habe, muss ich sagen: Der hat was. Seine Musik und sein Auftreten sind clever, emotional und dynamisch. Wenn er meint, 8-Spur ist super, dann macht er auch was daraus. Das heißt aber nicht, dass man es nachmachen müsste.

Mein persönliches Fazit:

Die Analogtechnik hat ausgereifte Produkte hervorgebracht, mit denen man auch heute Top-Sound produzieren kann, vorausgesetzt man verfügt über gut gewartetes Profi-Equipment. Eine Garantie für besseren Sound gibt sie aber nicht (siehe Aufdruck auf meiner Tasse).

Die Digitaltechnik bietet bessere Editier-Möglichkeiten, ist billiger, platzsparend, weniger reparaturanfällig. Mit der richtigen Software lässt sich auch „satter“ Sound produzieren, der qualitativ nicht den Vergleich scheuen muss. Ich möchte nicht zurück zum Tonband.

Nachtrag am 14.11.2015:

In diesem Video erzählt Elektronik-Sound–Legende Jean Michel Jarre interessante Dinge über Analog- und Digitaltechnik, Hardware und Plug-ins:

 

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5 thoughts on “Analog oder digital – was klingt besser?

  1. joern

    Das gilt auch für mich. Früher hat man ja nicht drüber nachgedacht, aber nach so vielen Jahren computerbasierter Aufnahmetechnik hab ich keine Sehnsucht mehr nach einer analogen 8-Spur-Maschine. Damals aber schon – sehr sogar. Auf der alten Teac 8-Spur wurde angeblich sogar Sweet Dreams von Eurythmics aufgenommen. Das war damals für mich mit die beste Werbung. 🙂

    Schön ansonsten, mal wieder diese ganzen alten Namen zu lesen. Einen habe ich aber vermisst: Fostex! 😉

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  2. juergen Post author

    Ja, von der 8-Spur Produktion von „Sweet dreams“ hatte ich auch gelesen. Die frühen Eurythmics Alben habe ich auch oft und gern gehört. Von Fostex gab es sogar eine 16-Spur, die wollte ich früher unbedingt haben. Aber erst hat das Geld nicht gereicht und dann kam die Computerzeit.

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    1. joern

      Ja, und damit waren dann 16 Audiospuren schon auf kleineren Systemen möglich. Einen Computer hatte man früher oder später eh‘ im Haus. Und damit wurde alles bequemer. Schnitt, Plug-ins. Eine Spur noch mal neu aufnehmen. So viel Komfort kann keine Bandmaschine liefern, womit die dann ziemlich schnell ausgestorben sind …

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  3. Matthias Lippert

    Hi!
    Netter Artikel!
    Den Sättigungseffekt kann man digital reproduzieren, aber wie sieht das Klangergebnis eines Multibandkompressors aus bei einer DAW? Ein Rechner kann keinen Output ohne Rechenzeit abliefern und dadurch könnte es bei solch einem Plugin z Phasing kommen und bei einem analogen Multibandkompressor angeblich nicht ? Wie sieht es mit analogen Limitern aus? Hast du Erfahrungswerte zu diesen Themen?
    Lg
    Matthias

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    1. Jürgen Drogies Post author

      Hallo Matthias,
      Phasenprobleme werden durch den Latenzausgleich im DAW-Programm vermieden. Das heißt aber auch, dass aufwändige Plug-ins, wie Mastering-Plug-ins, eine Latenz erzeugen, die das Einspielen von MIDI-Noten in Echtzeit behindert oder unmöglich macht. Man darf diese Plug-ins (z.B. IK Multimedia T-Racks) erst am Ende der Musikproduktion einsetzen, wenn nicht mehr neu eingespielt wird. Falls das doch nötig ist, nehme ich sie zeitweise wieder heraus. Phasenprobleme innerhalb eines Multibandkompressors konnte ich noch nicht feststellen, da gibt es einen Ausgleich innerhalb der Plug-in-Software. Ich besitze einen analogen Kompressor UREI 1178, den ich für Mikrofonaufnahmen verwende. Ein direkter Vergleich mit Plug-ins ist schwierig, auf jeden Fall sind die „Nachbauten“ analoger Software heute sehr gut.
      Viele Grüße
      Jürgen

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