Tony Visconti – yesterday and the next day

By | 21. Februar 2014

Vor einem Jahr veröffentlichte David Bowie nach einer Pause von zehn Jahren das Album „The next day“. Wieder als Produzent dabei war Tony Visconti. Im Februar 2014 gab es mehrere Auszeichnungen für diese Produktion.

Behind the scenes

Nicht jeder interessiert sich für die Leute auf der Mischpult-Seite des Studiofensters. Ich finde es immer spannend, auf den Covern der Platten und CDs zu lesen, wer außer dem Künstler für die Musik verantwortlich ist. Vielleicht, weil ich selbst mehr ein „Schreibtischtäter“ bin und die „Moves like Jagger“ auf der Bühne lieber anderen überlasse.

Visconti Buch

Tony Visconti mit seiner Biografie

Der Name Tony Visconti ist mir schon lange geläufig, hat er doch als Produzent, Toningenieur und Musiker bei zahlreichen Alben von David Bowie mitgewirkt. Als ich vor einiger Zeit seine Autobiographie las, war das für mich eine spannende Lektüre. Ich erfuhr, dass er die Musikentwicklung von den 1960er Jahren bis heute nicht nur miterlebt, sondern auch mit gestaltet hat. So produzierte er Künstler und Bands von Procol Harum über T-Rex, Thin Lizzy und Morrissey bis hin zu angesagten Acts unserer Tage wie Arcade Fire oder Kristeen Young. Für alle, denen es nicht zuviel Mühe macht, ein Buch in englischer Sprache zu lesen, empfehle ich die Lektüre von „Bowie, Bolan and the Brooklyn Boy“ (Verlag: Harper, ISBN 978-0007229451). Der Autor gab mir anlässlich der Buchveröffentlichung ein Interview für das inzwischen nicht mehr existierende Online-Magazin Musician’s Life.

Bowie & Visconti 2014

Die britische Vereinigung Music Producer Guild (MPG) hat im Februar 2014 den Innovator Award für das Album „The next day“ an David Bowie verliehen. An Bowies Stelle flog Tony Visconti nach London um die Auszeichnung entgegen zu nehmen. Bei seiner Danksagung betonte er:

“It is an honour and a privilege to accept this award on behalf of my friend and collaborator of 47 years, David Bowie. He deserves it because he is the one and the only DAVID BOWIE.”

Tony selbst war für das gleiche Album als International Producer of the Year nominiert, der Preis ging jedoch an Rick Rubin. Allerdings besitzt Visconti bereits einen MPG-Award, nämlich den Preis für Innovation in Production 2011.

Ebenfalls im Februar 2014 wurde David Bowie der Brit Award für den besten männlichen Sänger Großbritanniens verliehen. Auch hier erschien er nicht persönlich, sondern ließ Super-Model Kate Moss in einem Ziggy-Stardust-Outfit den Preis entgegen nehmen.

Interview zum Buch:„Bowie, Bolan and the Brooklyn Boy“

Auf meine Anfrage erklärte sich Tony Visconti zu einem Interview per E-Mail bereit, das ich hier übersetzt habe:

JD.: Ich habe mir neulich David Bowies Album „The Man Who Sold The World“ angehört, welches du produziert hast und auf dem du den Bass gespielt hast. Der erste Song „The With Of A Circle“ ist 8:10 Minuten lang und es gibt improvisierte Instrumental-Parts. Es ist keine drei-Minuten-Single für die Charts. Gab es da keine Probleme mit der Plattenfirma vor der Veröffentlichung?

TV.:Ehrlich gesagt hat sich die Plattenfirma kaum darum gekümmert, was wir im Studio gemacht haben. „The Man Who Sold The World“ wurde nicht gerade mit Begeisterung aufgenommen. Sie haben es einfach akzeptiert und haben sehr wenig unternommen, um es zu promoten. Aber in den frühen 70ern drehte sich alles um Experimente, deshalb nahmen wir Musik auf, von der wir dachten, sie wäre sowohl bahnbrechend als auch zeitgemäß.

JD.: In den 70ern entstand in Deutschland eine Musik, die man heute „Krautrock“ nennt. Die Plattenfirma bezahlte im allgemeinen die Studioaufnahmen. Fünf Tage wurden für die Aufnahme eines Albums gewährt und einer für die Abmischung. Es wurde nicht viel Werbung für die Platten gemacht, mit Ausnahme von Anzeigen in einer Musikzeitschrift. Waren die Britischen Bands in jenen Tagen in einer besseren Situation?

TV.: Ich würde sagen, dass die Britischen Schallplattenfirmen etwas großzügiger waren. Wir bekamen eine Budget für fünf bis sechs Wochen um „The Man Who Sold The World“ zu machen. Das war während einer Periode, als alle Welt nach Großbritannien blickte, in Erwartung der „nächsten großen Sache“. Britische Labels machten damals schnell das große Geld.

JD.: Ist es wahr, dass Britische Musiker sich manchmal Musik von Kraftwerk, Tangerine Dream, Neu, Can und anderen deutschen Bands angehört haben und dass sie diese Musik interessant fanden?

TV.:David Bowie war unter den ersten Britischen Musikern, die sich deutsche Musik angehört haben. Die Bands, die du erwähnt hast, hatten einen großen Einfluss auf viele Britische Gruppen in den späten 70ern und frühen 80ern. Conny Plank war ein Gott für einige von uns.

JD.: Zu Beginn deiner Karriere hast du mit 4-Spur Bandmaschinen aufgenommen. Heute benutzen manche Produktionen 100 und mehr virtuelle Pro Tools Spuren. Macht das die Musik besser?

TV.: Nein. Nur talentierte Musiker machen die Musik besser. DAW-Aufnahmen haben eine Generation von mittelmäßigen Musikern hervorgebracht, die viel zu viele Stunden darauf verwenden, ihre Performances zu editieren. Ich sage immer: „Jede Stunde, die du an einem Computer verbringst, ist eine Stunde, in der du nicht auf deinem Instrument übst.“

JD.: Heute machen Computer und Software die Musikproduktion leichter und viel billiger als jemals zuvor. Ist es möglich, einen professionell klingenden Mix innerhalb eines Computers zu erstellen, oder sind Outboard-Mischpulte für eine gute Produktion immer noch unersetzlich?

TV.: Digitale Aufnahmen haben einen sehr hohen Stand erreicht. Liegt die Produktion in den Händen eines Fachmanns, ist es fast unmöglich zu sagen, ob etwas auf einer traditionellen Konsole oder „in the box“ gemischt worden ist, wie man das Mischen ganz und gar innerhalb eines Computers nennt. Wenn möglich, kombiniere ich gern beide Welten miteinander. Der Analogsound hat mehr mit dem verwendeten Equipment, als mit dem Band selbst zu tun.

JD.: Ich bin ein großer Anhänger des Surround-Sounds und wäre sehr enttäuscht, wenn 5.1 Tonaufnahmen ohne Film von der Bildfläche verschwinden würden, wie es einst mit der Quadrophonie geschehen ist. Ich habe mir „Heathen“ und „Reality“ von David Bowie ein zweites Mal gekauft, nachdem die Super-Audio-CDs erschienen waren und das war mir jeden Cent wert. Das fantastische „Stage“-Album erschien als DVD-Audio. Worin besteht der Grund, das Format zu wechseln und glaubst du, dass eines dieser Formate eine Zukunft hat?

TV.: Da waren verschiedene Firmen beteiligt. Sony bezahlte für die 5.1 Mixe von „Heathen“ und „Reality“ und pushte ihr eigenes Format, SACD. DTS finanzierte „Stage“ und „David Live“ um ihr Format voran zu treiben, trotzdem erlaubten sie zusätzlich das DVD-Audio-Format zu verwenden. Der Format-Krieg ist der Tod von 5.1. Ich liebe den Sound von 5.1. Ich besitze ein ordentliches System zu Hause und höre oft darüber. Ich habe einen Denon-Player, der alle Formate abspielen kann, aber der war ziemlich teuer. Der durchschnittliche Musikliebhaber gibt wahrscheinlich von seinem Einkommen nicht so viel für solch ein Gerät aus. Natürlich sehe ich mir Filme von DVD an und fast alle haben einen Surround-Mix. Die Anlage ist es wert, für Musik und Video eingesetzt zu werden. In den 70ern starb der Quadrophonie-Sound, weil es sich um ein reines Audio-Format gehandelt hat.

JD.: CD gegen Musik-Downloads. Die Leute können die Songs eines Albums getrennt herunter laden – wird das der Tod des Albums, wie wir es kennen?

TV.: Das ist schon geschehen. Kaum jemand von den Kids hört sich noch ein Album an. Ich habe schon vor einigen Jahren in der New York Times gelesen, dass junge Leute mehr zu einem einzelnen Song stehen und weniger zu dem Künstler. Kaum hatten die Labels das mitgekriegt, haben sie sich wieder mehr an Singles orientiert. Es ist eine schlechte Zeit für Alben. Aber ich denke, online-shops wie iTunes sind eine gute Sache. Man hat die Wahl, nur die Songs herunter zu laden, die man mag oder das ganze Album zu einem Discount-Preis. Jedenfalls kaufen die Leute wieder Musik! Ich benutze iTunes andauernd.

JD.: Die letzten Zeilen deines Buches lauten: „We can be heroes. David Bowie.“ Für mich war „heroes“ immer ein ganz besonderer Song, einer zu dem jeder seine eigene Story erfinden kann, neben der Geschichte über die Berliner Mauer. Der Text scheint zu sagen, dass jeder viel Power in sich hat, was ihm vielleicht nicht einmal bewusst ist und manchmal können wir unsere Ängste überwinden. „We can be heroes just for one day. – What’d you say?“ (Anm.: Zitat aus dem Songtext).

TV.: Nun, für mich ist die Botschaft des Songs sehr klar: „Wir können Helden sein.“ Er erzählt von der potentiellen Möglichkeit, aber wie viele von uns streben wirklich danach, Helden zu sein? Ich glaube, das ursprüngliche Thema des Songs war ein Mann, der jedes Mal, wenn er betrunken war das Gefühl hatte, er könnte ein Held sein. Aber es ist ein großartiger Song, ein wahrhaft großartiger Song!

JD.: Vielen Dank für das Interview!

Tony Viscontis äußerst interessante Autobiografie ist bei Amazon erhältlich (in englischer Sprache).

Das ungekürzte Interview in englischer Sprache hier…

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