Was ist ein „cooler Sound“? – Teil 1 –

By | 2. Dezember 2012

Ich habe mir schon oft Gedanken zu diesem Thema gemacht und möchte sie nach und nach hier aufschreiben. „Teilen“ ist ein Schlagwort der Generation Facebook und hier passt es ebenfalls.

Warum ich diese Überlegungen teilen möchte? Da fällt mir eine kleine Geschichte ein, die ich von einem Schulpsychologen bei einer Fortbildung gehört habe. Dabei geht es um jemanden, der nach dem Weg fragt und dabei auf einen Psychologen trifft:

„Entschuldigung, wo geht es hier zum Bahnhof?“

Der Psychologe: „Tut mir leid, das weiß ich auch nicht. Aber gut, dass wir darüber geredet haben!“

Also, lasst uns darüber reden.

Ich habe in der Überschrift „cool“ gewählt, weil das Wort in diesem Zusammenhang für „angesagt/beliebt/zeitgemäß“ steht. „Guter Sound“ oder „schöner Sound“ erscheint mir irgendwie weniger passend, wenn es um Synthesizer, Sampling und Recording geht. Und darum geht es mir.

Wer sagt: „Dieser Sound ist toll!“ fällt damit ein Urteil, genauso wie jemand, der sagt: „Das klingt billig, nach Plastik, wie eine Tischhupe“ oder Ähnliches. Im Gericht werden Urteile auf der Grundlage von Gesetzen gefällt. Gesetze sind Regeln, die von einer Mehrheit als richtig anerkannt und beschlossen werden. In der Musik sind es die Hörgewohnheiten, die zu mehrheitlich akzeptierten Regeln führen: So klingt ein Klavier, so eine Orgel usw.

Das Piano

Hört man ein Instrument mit einem unbekannten Sound, wird es automatisch einem ähnlich klingenden zugeordnet und daran gemessen. Ein Sound, der ähnlich klingt wie ein Klavier wird schnell als billige Imitation abgetan. Warum eigentlich? Klaviere sind mechanisch. Tasten, Hämmer, Pedale erzeugen Nebengeräusche. Nicht, weil es die Konstrukteure so wollten, sondern weil es anders nicht möglich ist. Warum akzeptieren wir dann nur Sampling-Pianos, bei denen diese Geräusche reproduziert werden? Ich nehme mich da gar nicht aus! Trotzdem frage ich mich, warum der reine Sound ohne Nebengeräusche, wie man ihn elektronisch erzeugen kann, nicht als besser empfunden wird. Warum muss es authentisch klingen? Hätten die Klavierbauer das Tastengeräusch als „perkussiven Kick“ extra eingebaut, wäre das etwas anderes.

Ich bin mir sicher, dass sich die Hörgewohnheiten nach und nach ändern werden. Was gefällt in 100 Jahren? Ich werde es nicht erfahren, leider.

Alles Orgel, oder was?

Zum Schluss des ersten Teils meiner Überlegungen ein persönliches Erlebnis, das viele Jahre zurück liegt. Ich hatte mir meinen ersten polyphonen Synthesizer gekauft, einen Roland Juno 60. Ein Musiker-Kollege kam vorbei und sagte: „Ich habe einen neuen Song geschrieben. Da können wir gleich deine neue Orgel mit einbauen.“ O-r-g-e-l?! Naja, das ist mehr als 20 Jahre her – ich habe ihm verziehen.

 

Meine aktuellen Testberichte und mehr zum Thema Musik immer hier…

Ein vollständiges Inhaltsverzeichnis meiner Artikel auf facebook hier…

8 thoughts on “Was ist ein „cooler Sound“? – Teil 1 –

  1. Markus

    Dein Erlebnis mit der „O-r-g-e-l!?“ kann ich soooo gut nachvollziehen. Lass mich raten: Dein Kollege war Gitarrist 😉 Aber die Sache mit den Nebengeräuschen erklärst Du selber ja schon mit den Hörgewohheiten. So wie wir einen schalltoten Raum (FAC) als unnatürlich und von den meisten vermutlich als beängstigend wahrnehmen, geht es uns mit anderen Nebengeräuschen, die auf einmal fehlen. Aber den meisten nicht-Pianisten fällt das vermutlich weniger auf. Wenn ich an die frühen Piano Samples denke, hatte das auch wenig mit echten Pianos zu tun. Gestört hat dies keinen auf der Tanzfläche.

    Reply
  2. juergen Post author

    Ja, der war Gitarrist!
    Du hast recht, ich finde es auch toll, wenn ein Sampling-Piano „echt“ klingt, mit allen Nebengeräuschen. Aber als „ewiger Zweifler“, der ich auch bin, frage ich mich – warum? Hätten Klaviere nie Nebengeräusche gehabt, würde man sie nicht vermissen. Warum lässt man sich nicht sofort auf Neues ein? Ist das nur bei Musikern so? Wahrscheinlich vorwiegend („Gestört hat das keinen auf der Tanzfläche“).

    Reply
    1. Markus

      Das Gehör von uns Musikern ist halt „versaut“. Ich kann jedenfalls keinen Song mehr „normal“ hören, ohne nicht direkt das Arrangement und die einzelnen Tracks (ohne es bewusst zu wollen) zu analysieren. Wirklich „neue“ Sounds findet man ja auch nur noch selten. Mein letztes richtiges „Aha“ Erlebnis in Sachen Synth war der „Omnisphere“ mit seinen psychoakustischen Soundquellen und den Bearbeitungsmöglichkeiten. Die Herangehensweise fand ich wirklich neu und innovativ. Ansonsten höre ich in der Tat lieber Natursounds (auch wenn sie aus dem Rechner kommen, was ja schon paradox genug aber für mich immer noch faszinierend ist).

      Reply
  3. joern

    Der Juno 60 steht auch in meiner musikalischen Vergangenheit ganz oben, denn ich weiß noch ganz genau, wie unser Keyboarder den im Übungsbunker ausgepackt hat. Ich fand den total geil und hätte den (auch wenn ich Gitarrist bin) nie als Orgel bezeichnet. Danke aber für den Lacher. 🙂

    Deine Überschrift heißt „coole“ Sounds – nicht realistische Sounds. So passt das dann Gesagte für mich nicht 100-prozentig … Bei einem Klavier erwarte ich auch, dass es nicht nur total „wie in echt“ klingt, sondern auch, dass mir der Sound gefällt. Ich hab’s aber seit dem immer wieder erlebt, dass ich (z. B. im Sy77 oder später im TG77) Sounds gehört habe, die ich nicht kannte, die ich aber trotzdem cool fand. Das habe ich auch später „im“ Computer immer wieder erlebt.

    Was die Hörgewohnheiten angeht: Ich bin mir da nicht so sicher, denn auch in Zukunft werden die meisten Menschen wissen, wie ein Piano klingt und dann die entsprechenden Erwartungen haben, wenn jemand eine elektronische Version davon spielt. Hier kann ich mir auch nur schwer einen abgewandelten Sound vorstellen, der als Piano erkennbar ist, aber doch ziemlich anders rüber kommt.

    Vielleicht ist es so, dass je näher ein Sound dem realen Vorbild kommt, desto höher werden auch die Erwartungen an die „naturgetreue“ Abbildung des Klanges.

    Reply
    1. Markus

      Hach…SY77…den hätte ich damals echt gern gehabt. Aber ich war froh, dass ich den V50 von Yamaha mein Eigen nennen konnte nachdem ich lange auf einem geliehenen Polysix und einem DX100 meine ersten Schritte in einer Coverband gemacht habe…gerade frage ich mich, mit welchem Pianosound ich damals „Johnny be good“ gespielt habe 🙂 Dann kam irgendwann der TS12, dessen Klavier und Tastatur mich damals echt begeistert hat. Den habe ich auch erst vor kurzem für viel zu wenig Geld verkauft. Roland hat bei mir erst mit dem XP-50 Einzug gehalten. Aber ist seitdem fester Bestandteil meines Setups mit diversen Synths. Aber „coole“ Sounds hatten für mich Geräte wie Wavestation, JD-800 und ähnliche. Den JD-800 Sound kann man sich übrigens mit der Sunrizer App in das iPad holen!

      Reply
      1. joern

        Sunrizer App – cooler Tipp! Hab ich mir auf YouTube angehört. Scheint wirklich gut zu klingen!

        Reply
  4. Juergen

    Nachdem ich einen Artikel über MOUSE ON MARS gelesen hatte, habe ich mir kürzlich deren Musik angehört. Die haben wirklich „coole Sounds“, zumindest bei den Titeln, die ich mir angehört habe, weit weg von realistischen Klängen. Auch beim Rhythmus. So etwas könnte ich mit meinen technischen Mitteln auch produzieren und hatte es auch schon lange vor. Trotzdem lande ich immer wieder beispielsweise bei den Abbey-Road-Drums von NI. Übrigens habe ich MOUSE ON MARS im dritten Titel abgestellt, weil ich total genervt war. Das soll keine Kritik an der Band sein, eher ein Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit, sich auf etwas wirklich Anderes einzulassen. Aber egal, Hauptsache man hat Spaß an der Musik, denke ich.

    Zu den Piano-Sounds: In den 80er/90er-Jahren war der Rhodes-Sound vom DX7 sehr beliebt. Gerade die „glockigen“ Varianten, die sozusagen „larger than life“ klingen, verglichen mit dem Original. Manchmal wurde auch ein Flügel mit einem solchen Sound gedoppelt.

    Reply
    1. joern

      DX7 und Flügel. Ja, diese Sounds habe ich damals auch oft miteinander kombiniert und diese FM-Geschichten habe ich echt geliebt, denn die lassen sich total dynamisch spielen. Diese Sounds reagieren auf kleinste Nuancen in der Stärke des Anschlags. Echt klasse!

      Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.