Was ist ein „cooler Sound”? – Teil 3 –

By | 26. Dezember 2012

Die größte Rolle bei der Bewertung eines Klanges, oder sogar von Musik ganz allgemein, spielen wahrscheinlich Hörgewohnheiten. „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“, heißt es. Gilt das auch für die Musik?

In Teil 1 meiner Überlegungen habe ich bereits begründet, warum ich das Wort „cool“ gewählt habe. Gut, schön, –  das ist mir zu allgemein. Ich will ausdrücken, dass der Sound den Hörer entweder richtig begeistert, oder dass er zumindest als qualitativ hochwertig empfunden wird.

Reise durch die Zeit

Um Anhaltspunkte für meine Überlegungen zu finden, bleibt mir nichts anderes übrig, als ab und zu weit in die Vergangenheit zu gehen. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun, ich bin kein Oldie-Fan und beschäftige mich sehr gern mit aktueller Technik, wie meine Testberichte zu aktueller Musiksoftware zeigen.

Synthie-Pop

In den 80ern bekam ich einmal mit, wie ein renommierter Bremer Studiomusiker über den Song „Blue Monday“ von New Order geradezu spöttisch bemerkte, die schnelle Schlagfolge der Bassdrum sei total unrealistisch, so schnell und gleichmäßig könne ein Schlagzeuger nicht spielen. Stimmt. Aber hat der Maschinen-Groove nicht seinen eigenen Reiz? Ich finde schon. Viele Sounds der Synthie-Pop-Ära gefallen mir auch heute noch. Ein paar Namen: Giorgio Moroder, Harold Faltermeyer, Eurythmics. Überhaupt die Eurythmics: „Who’s that girl?“, „Here comes the rain again“, „Love is a stranger“, das Soundtrack-Album „1984“ u. s. w. Die Single „Sweet dreams“ ist vielleicht etwas zu oft im Radio gelaufen, aber durchaus ein Klassiker. Das Album „Sweet dreams“ wurde mit 8-Spur-Technik produziert und klingt für mich immer noch sehr „cool“. Heute sieht sich Dave Stewart wohl hauptsächlich als Gitarrist, schreibt auch mal einen Song zusammen mit Bob Dylan und nimmt in Nashville auf. Das ist OK, Dave, so bleibt ein Musiker sich selbst treu und spielt nicht eines Tages in seiner eigenen Cover-Band. Schon bei den Eurythmics hat er schöne Gitarrensoli beigesteuert, ein Beispiel ist „The miracle of love“. Nicht nur gut gespielt, auch ein cooler Sound, finde ich.

Mensch und Maschine

Mensch und Maschine, Kraftwerk haben ihr musikalisches Statement dazu abgegeben. Gottlieb Wendehals hat mit „Mein Freund Herbert“ wohl den ersten Song über einen Drumcomputer geschrieben (eigentlich hieß das damals noch Rhythmusgerät). Und Tangerine Dream? Die Band Tangerine Dream wurde bereits 1968 gegründet. Anfang der 70er muss es gewesen sein, als ich sie in Bremen in der „Lila Eule“ gesehen habe. Damals war Elektronik noch nicht im Spiel, es gab sowohl einen Sänger, als auch einen Geiger in der Gruppe. „Zu diesem Zeitpunkt hatte Tangerine Dream mit elektronischer Musik noch nichts im Sinn. Zeitzeugen schrieben von einer „hartrockenden, aggressiven Gruppe mit Free-Jazz-Färbung“ (Zitat Wikipedia). Ich kann mich daran erinnern, dass ich mit einem Musikerkollegen dort war, der mit dem „Lärm“ überhaupt nichts anfangen konnte. Ich fand es allerdings recht beeindruckend, nicht gerade „schön“ im herkömmlichen Sinne, aber die Power, Aggressivität, Intensität – das hatte was!

Maschine und Mensch

Eigenlich sollte dieses Kapitel heißen „Wie ich den Synthie-Pop erfand“, aber das wäre dann doch etwas übertrieben gewesen. Wie der erste Roland Drumcomputer hieß, den ich benutzt habe, konnte ich noch nicht einmal im Internet herausfinden. Er war klein wie der Bass-Synthesizer TB-303, den ich gleichzeitg als Leihgabe von einem Musikhändler bekommen hatte, für den ich ein VHS-Video vertonen sollte. Das Video zeigte die verschiedenen Produkte, die im Laden verkauft wurden. Ich habe leider keine Aufnahme mehr davon, aber ich weiß, dass ich Drumcomputer und TB-303 synchronisieren konnte und mit irgendeinem Synthesizer Melodien dazu gespielt habe. Um GEMA-Rechte nicht zu verletzen, habe ich mir ein Medley aus „Traditional-Songs“ gebastelt, wie zum Beispiel „What shall we do with the drunken sailor“. 🙂 Der Bass klang nicht wie ein „richtiger“ Bass, aber schon irgendwie geil. Dass die TB-303 Jahrzehnte später zum Kultgerät der Technomusik werden sollte, war noch nicht abzusehen. Durch Techno wurden neue Hörgewohnheiten geschaffen und neue Bewertungen des gleichen Sounds. Hieß es früher: „Na ja, ganz nett aber nicht wie ein echter Bass“, so hört man heute „Woher kriege ich einen Sound, der so klingt, wie eine echte 303?“

Mit einem Moog Prodigy ging es bei mir mit der Elektronik richtig los. Es folgten eine Reihe von Drumcomputern und Synthesizern. Die TR-808 habe ich geliebt, vor allem wegen des seidigen, wenn auch künstlichen Hi-Hat-Klangs. Als dann MIDI kam, habe ich die 808 verkauft, weil ich alles vom Computer aus über ein MIDI-Interface ansteuern wollte. Die TR-909, heute auch ein Kultgerät, habe ich nicht gekauft, unter anderem, weil sie damals im Test einer Fachzeitschrift schlecht abgeschnitten hatte. Es wurde bemängelt, dass nur für Becken und Hi-Hat Samples verwendet würden, die anderen Instrumente wären weiterhin analog. Heute ist die Bewertung völlig anders. Die 909-Kick wurde ein Standard für Techno und Euro-Dance.

Zur zentralen Maschine bei der Musikproduktion ist nach und nach der Computer geworden. Bei mir waren das C 64, Atari, dann diverse Apple Macintosh Rechner. Das Verhältnis zwischen Computer und Mensch schwankte in den frühen Jahren zwischen Staunen und Angst. Als ich an einer Schule unterrichtete und gerade dabei war, ein selbst gemachtes Arbeitsblatt zu kopieren, sprach mich eine Kollegin darauf an. „So was kann dein Computer? Dann muss ich mir wohl auch einen PC zulegen.“ Als noch nicht jeder einen PC hatte, war die Meinung verbreitet, mit dieser Maschine wäre alles total einfach. Wie bei Startreck: „Computer mach’ mir ein Arbeitsblatt!“ „Computer komponiere mir einen Hit!“ Das geht leider auch heute noch nicht, trotzt Spracheingabe mit Siri unter iOS.

Ein anderes Phänomen war die angebliche Bedrohung durch Computer. 1984 war das Orwell-Jahr. „Big Brother is watching you“, das Zitat kennt wohl jeder. Dabei waren GPS-Ortung und Netze von Überwachungskameras noch nicht vorhanden und selbst das World Wide Web war noch nicht erfunden. Ich hatte in den frühen 80ern einen Song komponiert und getextet, der ursprünglich „Video Games“ hieß. (Der Titel von Lana Del Rey hat natürlich nichts damit zu tun.) Er wurde der Industrie angeboten, schaffte es aber erst mit einem neuen Refrain zur Veröffentlichung und hieß nun „I know, I know“. Den neuen Refrain hatte ein Freund komponiert, der sich eine zweite Version einfallen ließ, die ebenfalls veröffentlicht wurde. Da hieß es im Refrain: „I know, I know. Don’t let computers grow.“ Beides wurde kein Hit, aber die Computer sind weiter gewachsen. Mir gefällt das, denn ich betrachte sie nicht als Gegner, sondern als Werkzeuge.

 

Auf YouTube kann man es sogar anhören

Computer und Sound

Nachdem der Sequenzer im Computer zunächst nur Steuersignale für externe Klangerzeuger ausgeben konnte, folgten die virtuellen Instrumente, die Klangerzeuger im Rechner.

Der coolste Sound ist jetzt aber nicht der glasklare Digitalklang, sondern oft eine Nachahmung analoger Vorbilder wie beispielsweise eines Moog-Synthesizers, wobei man selbst die Tonhöhendrift der Oszillatoren nachprogrammiert hat. Viele Plug-ins besitzen Sättigungs-Parameter mit denen sich das Verhalten analoger Geräte und sogar von Bandmaschinen erzeugen lässt. Was früher als technische Unzulänglichkeit galt, wird nun zum Ideal. Liegt es an unseren Hörgewohnheiten, dass es so klingen soll, wie „einst auf Vinyl“ oder klingt es so wirklich besser? Vielleicht sagt in 20 Jahren jemand: „Diese blöde 128-Bit-Musik und der alberne Frequenzgang von 1 bis 200 kHz, das klingt doch nicht! Ich mache meine Musik mit Vintage-Technik von 2013!“

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7 thoughts on “Was ist ein „cooler Sound”? – Teil 3 –

  1. joern

    Großartig geschrieben! Total gelacht habe ich hier: „Na ja, ganz nett aber nicht wie ein echter Bass“, so hört man heute „Woher kriege ich einen Sound, der so klingt, wie eine echte 303?“. Das kapiert man wirklich nur als Musiker, der lange genug auf der Welt ist. 😉

    Meine Lieblingssounds von heute sind immer noch Nachahmungen real existierender Instrumente. Der New York-Flügel von Native Instruments haut mich immer noch um und das Rhodes (Lounge Lizard EP3) von ASS mag ich auch unheimlich gern. Für den Rhodes-Sound aus Pink Floyds „Sheep“ würde ich vermutlich meine Gitarren einmotten. Zum Glück kenne ich kein Plug-in, das den kann.

    Synth-Geschichten mag ich auch, aber darunter ist nichts, was eine längere Halbwertszeit hätte. Einmal gab’s allerdings einen Sound in einem Phil Collins Titel, der mich beim ersten Hören fast umgeworfen hätte: Another Day in Paradise. Heute empfinde ich allerdings nichts mehr, wenn ich das höre.

    Jörn

    PS: Die erste Drummachine, die in meinen Songs auftauchte, war von Fricke. MFB 01 oder so …

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  2. juergen Post author

    Eine Fricke MFB 01hatte ich auch mal. Dafür bin ich nach Hamburg gefahren, weil der Bremer Musikhändler sie nicht hatte. Sie war mit viele kleinen Kippschaltern bestückt um einzelne Sounds an- oder auszuschalten, soweit ich mich erinnern kann.

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    1. joern

      Korrekt. Ich glaube, es waren so silberne Kippschalter. Ist aber echt schon zu lange her, als das ich mich noch erinnern könnte … Davor gab’s übrigens von Amptown so Schallplatten mit fertigen Schlagzeug-Songs. Damit konnte man schon ganz gut was machen!

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