Test: e-instruments SESSION KEYS ELECTRIC S

By | 7. August 2016

Mit dem ELECTRIC S (S wie Suitcase) bekommt die SESSION KEYS Serie von e-instruments spannenden Zuwachs. Zusammen mit dem bekannten ELECTRIC R lässt sich eine breite Palette an Fender-Piano Klängen sowie experimentellen Sounds erzeugen.

 

Historie und Technik in Kürze…

Harold Rhodes (1910-2000) darf man wohl als Vater des E-Pianos bezeichnen. Schon während des Zweiten Weltkriegs baute er, teilweise aus alten Flugzeugteilen, erste Instrumente. In Zusammenarbeit mit Leo Fender produzierte er ab 1959 Pianos unter dem Markennamen Fender Rhodes. Ein erster Meilenstein war das Fender Rhodes Mark I, das von 1969 – 75 hergestellt wurde. Davon gibt es eine „Stage“-Version ohne Verstärker und eine „Suitcase“-Variante mit auf das Instrument abgestimmtem 80 Watt Stereo-Verstärker und 4 Lautsprechern. Ein solches Instrument, Baujahr 1973, hat man bei e-instruments mit größter Sorgfalt und höchster Detailtreue gesampelt und daraus ein elektronisches Instrument für NI Kontakt erstellt.

Klangerzeugung

Beim Original wird ein runder Metallstab (Tine) mit etwa 1mm Durchmesser bei Tastenanschlag von einem Gummihammer zum Schwingen gebracht. Der Stab ist mit dem Tonriegel (Tonebar) verbunden. Wie bei einer E-Gitarre, werden die Schwingungen mit einem elektromagnetischen Tonabnehmer abgenommen. Beim Electric S lassen sich Lautstärke und Position der Tines ohne Schraubendreher justieren, wobei besonders die Veränderung der Position starke Soundveränderungen bewirkt.

e-instruments Electric S

Das virtuelle Instrument enthält zwei Sample-Sets zwischen denen verzögerungsfrei umgeschaltet werden kann. Neben der „Live“-Version, die mit Mikrofonen aufgenommen wurde, um den speziellen Sound der „Suitcase“-Verstärkeranlage einzufangen, gibt es die Version „Studio“. Diese wurde direkt über Line-Out gesampelt und bringt den Sound eines direkt an ein Mischpult angeschlossenen „Stage“-Pianos. Auch der unverstärkte, akustische Klang der Tonerzeugung steht zur Verfügung sowie regelbare Resonanz- Anschlags- und Pedalgeräusche. Der Bereich „Reversed“ geht mit Rückwärts-Samples über die Möglichkeiten des realen Pianos hinaus. Neben dem Tremolo mit Stereo-Panning wie beim Original gibt es 6 weitere Sound- und Raum-Effekte. Jeder Effekt verfügt über eigene Einstellungsmöglichkeiten.

Wenn man beim Einstellen des Sounds zwischen „Studio“ und „Live“ wechselt, bleiben die Klang-Parameter- und Effekt-Einstellungen erhalten.

 

NI KOMPLETE KONTROL

NI KOMPLETE KONTROL

 

Installation

Um das Piano zu spielen, wird Native Instruments KONTAKT 5.5.1 oder neuer benötigt oder der kostenlose KONTAKT Player. Die Library belegt nach dem Download 9,9 GB auf der Festplatte. Der Ordner mit den Daten kann auch auf einem anderen als dem Start-Volume gespeichert werden. Nachdem man KONTAKT gestartet hat, wird ELECTRIC R mit „Add Library“ hinzugefügt und erscheint im KONTAKT-Browser. Nach einem Klick auf den Button „Activate“ und Eingabe der Serien-Nummer kann es losgehen.

NKS

Wie sein Bruder Electric R, ist auch das Electric S voll kompatibel mit dem KOMPLETE-KONTROL-System von Native Instruments. Anstatt KONTAKT zu starten, verwendet man hier die Stand-Alone Version von KOMPLETE KONTROL oder in der DAW das Plug-in.

Als Besitzer eines KOMPLETE-KONTROL-S-Keyboards empfinde ich das als sehr praktisch. Die Parameter werden automatisch auf 10 Pages den 8 Drehreglern zugeordnet und natürlich sind die wichtigsten auf der ersten Seite zu finden. Wenn ein Regler am Keyboard bedient wird, bewegt sich auch der virtuelle Regler auf dem Monitor. Umgekehrt spiegeln die Displays am Keyboard Veränderungen wider, die man mit der Maus am Bildschirm vornimmt.

 

Automatische Parameter-Zuordnung per NKS am NI-Keyboard

Automatische Parameter-Zuordnung per NKS am NI-Keyboard

 

Unter den Page-Buttons wird der Sound-Name angezeigt. Die Belegung der Regler ist sinnvoll und übersichtlich; das Wichtigste zuerst.

Auch mit Native Instruments MASCHINE lässt sich das Piano einsetzen; Templates für alle Modelle von MASCHINE sind enthalten.

Die Bedienung

Aus Platzgründen lassen sich am Monitor nicht alle Bedienelemente gleichzeitig in einem Fenster sichtbar machen. Es gibt deshalb Tabs, mit denen die Bildschirm-Darstellung umgeschaltet wird, um verschiedene Sektionen anzuzeigen. Im Hauptfenster unten links ist der Umschalter zwischen Studio- und Live-Sound. Die Grafik passt sich der jeweiligen Einstellung an. Während es im hell erleuchteten Studio mit Parkettboden ordentlich aussieht, liegen im schummrigen Licht der „Live“-Einstellung Flaschen auf der Bühne. Ob die aus dem Publikum gekommen sind oder ob die Musiker Durst hatten, erfährt man nicht.

 

Studio- und Live-Ansicht

Studio- und Live-Ansicht

 

Hier zwei Hörbeispiele, eingespielt mit dem Default-Sound „Clean and Dry“ ohne zusätzliche DAW-Effekte. Im ersten Abschnitt ist die „Studio“-Variante zu hören, im zweiten der „Live“-Sound:

 

Die gleiche Sache noch einmal, aber jetzt mit leicht editierten Klang-Parametern sowie Chorus- und Halleffekt.:

 

Die Piano Section

Die „Piano Section“ bietet Zugriff auf die wichtigsten Klang-Parameter. Hier gibt es einen kräftig zupackenden Equalizer für Bass und Höhen und die Dynamik-Kontrolle, mit der sich der Bereich der Anschlag-Dynamik eingrenzen lässt. Mit einem weiteren Regler kann man die Lautstärke des anschlagabhängigen „Crunch“-Anteils bestimmen. In der Mitte befindet sich der „Pentamorph“ Fader. Damit lässt sich zwischen fünf verschiedenen Klangeinstellungen „morphen“ (Klick auf eine Bezeichnung der Eckpunkte) oder stufenloses Überblenden mit gedrückter Maustaste. In der extremsten Einstellung sind nur die Rückwärts-Samples zu hören.

Die Bedien-Vorgänge lassen sich per DAW-Automation in Echtzeit automatisieren. Noch besser als mit dem Mauszeiger geht das mit einem Hardware-Controller. Wenn man ein NKS-System einsetzt, ist „Pentamorph“ automatisch dem ersten Regler zugeordnet.

 

Piano-Bedienfeld mit Pentamorph

Piano-Bedienfeld mit Pentamorph

 

Noch einmal die Grundeinstellung „Clean & Dry“ mit dem „Studio“-Sound, hier mit Pentamorph-Automatisierung:

 

Settings

Ein kleines Zahnrad am rechten Rand des Piano-Fensters führt zu den globalen Einstellungen für Stimmung, Silent Key und Anschlagdynamik.

Die Sound Section

Einstellungen, die man in den untergeordneten Bereichen „Tonality“ und „Effects“ vorgenommen hat, lassen sich als eigenes Sound Preset benennen und speichern.

 

Tonality-Einstellungen

Tonality-Einstellungen

 

Tonality

Der Bereich „Tonality“ enthält die Parameter-Einstellungen, die den Sound am meisten beeinflussen. Die Lautstärke der Resonanztöne bei gedrücktem Haltepedal lässt sich hier ebenso regeln, wie die Intensität von Nebengeräuschen. Der Abstand der klangerzeugenden „Tines“ von den Tonabnehmern kann verändert werden und damit der glockenartige Anteil am Sound. Die in Attack und Decay regelbaren Hüllkurven und die Möglichkeit, Samples rückwärts ablaufen zu lassen, führen von der Klangregelung zum Sound-Design.

Effects

Der Bereich „Effects“ erlaubt die Ansteuerung von sieben verschiedenen Effektgeräten, deren Bedienelemente nach Klick auf ein Tab sichtbar werden: Tremolo, Chorus, Phaser, Amp, Compressor, Delay und Reverb.

 

Effects

Effects

 

Neben der Bezeichnung des jeweiligen Effekts schaltet man ihn ein oder aus; bei eingeschalteten Effekten leuchtet ein weißes Lämpchen. Effekt-Parameter lassen sich mit Drehreglern einstellen. Eine Besonderheit ist die Möglichkeit, einen oder mehrere Parameter auf den Pentamorph Fader zu legen. Weiße Linien zeigen jeweils an, welche dafür vorgesehen sind. In der Abbildung ist es der „Mix“ zwischen trockenem und Effektsignal.

Die Effekte klingen alle sehr gut. Soweit es sinnvoll ist, hat man ihnen bis zu sechs Regler spendiert (z. B. beim Compressor). Beim Reverb gibt es ein Ausklapp-Menü für 20 verschiedene Raumsimulationen. Effekte und Parameter-Bereiche sind sinnvoll ausgewählt, sie emulieren die bei E-Piano Sounds beliebten Pedal-Effekte und mehr.

 

 

Die Smart Chord Section

Wie bei den anderen SESSION Instrumenten von e-instruments gibt es eine Smart-Chord Funktion. Hier lassen sich Akkorde einer ausgewählten Tonart (Dur, Moll, Dominant 7, Dorisch) mit jeweils einer weißen Taste des virtuellen 1-Oktav-Keyboards oder des angeschlossenen MIDI-Keyboards triggern. Zusätzlich gedrückte schwarze Tasten bewirken Akkord-Umkehrungen oder Erweiterungen (sus4. +7, +9). Links neben dem virtuellen Keyboard sind zwei weitere Tasten abgebildet, die den MIDI-Noten C-1 und D-1 auf der externen Tastatur entsprechen. Wenn eine davon aktiv ist, wird dem jeweiligen Akkord ein weiterer Grundton oder eine Quinte im Bassbereich hinzugefügt.

 

Smart-Chords, Tastaturbelegung

Smart-Chords, Tastaturbelegung

 

Etwas gewöhnungsbedürftig ist es vielleicht, dass der Grundton jeder Tonart immer der Taste „C“ zugeordnet wird; ich muss also C spielen, auch wenn ich beispielsweise in E-Dur den Grundakkord hören will. Allerdings ändern sich die Notennamen entsprechend im Kontakt-Fenster, das man dann am besten im Auge behält.

Zusätzlich gibt es die in der Intensität regelbare Funktion „Humanize“, welche dafür sorgt, dass die Smart Chords nicht zu „maschinenhaft“ klingen. Hier werden die Akkordtöne nicht genau synchron ausgelöst, sondern es klingt so, als wenn der Spieler nicht alle Finger hundertprozentig gleichzeitig aufsetzen würde.

Zur Benutzung mit Pad Controllern (z. B. Native Instruments MASCHINE) lassen sich Akkorde wahlweise auch Pads zuordnen. Setups für Geräte der MASCHINE-Familie werden mitgeliefert und ihre Templates sind am Ende der Bedienungsanleitung abgebildet.

 

Smart-Chords, Zuordnung zu Pads

Smart-Chords, Zuordnung zu Pads

 

Tipp:

Wenn man die Smart-Chord Funktion benutzt, sollte man auf Unterschiede zur Smart-Chord Funktion von Native Instruments achten, die in die KOMPLETE-KONTROL Software integriert ist und die etwas anders strukturiert ist.

Der Animator

Der Animator ist ein MIDI-Phrasen-Player, der sich an eine Komposition anpassen lässt. Die vorprogrammierten Piano-Phrasen bedienen verschiedene Stilrichtungen und sind in Songs gruppiert. Jeder der Songs enthält bis zu sechs Phrasen, die jeweils für eine bestimmte Funktion wie Intro, Verse, Bridge, Chorus, End vorgesehen sind. Die Phrasen eines jeden Songs lassen sich gegen Phrasen eines anderen austauschen. Die so erstellten eigenen Songs können unter einem neuen Namen gespeichert werden. Es stehen mehr als 400 Phrasen zur Verfügung. Die Phrasen passen sich in der Tonalität den Akkorden an, die man mehrstimmig mit der Hand oder auch per Smart-Keys spielt.

 

Der Animator, Phrasen-Auswahl und -Steuerung

Der Animator, Phrasen-Auswahl und -Steuerung

 

Im Animator werden Songs über ein Ausklapp-Menü gewählt. Dieses wird oberhalb der senkrechten Tastatur geöffnet, welche die Funktionstasten anzeigt, mit denen sich die Animator Patterns während des Spiels umschalten lassen. Als Funktionstasten dienen die MIDI-Noten C-2 bis A-2 – also ganz links außen.

 

11-Lightguide

Der Light Guide des NI-KOMPLETE KONTROL Keyboards zeigt die Steuertasten für den Animator Orange an.

Die Animator-Phrasen können auch während des Spiels beeinflusst werden. Mit dem Modulation Wheel lässt sich in drei Stufen ihre Komplexität bestimmen. Das Pitch Wheel kann alternativ oder zusätzlich zum Tastenanschlag die Anschlagstärke steuern. Besonders praktisch ist das mit einem Komplete-Keyboard und seinen Touch Stripes, mit denen man gezielt springen kann ohne „am Rad zu drehen“. Ein Swing-Parameter ist ebenso vorhanden, wie eine Umschaltung des relativen Tempos auf halbe oder doppelte Geschwindigkeit.

Hier einige Animator-Beispiele. Ich habe die Factory-Songs verwendet und meistens nur mit einem Finger gespielt:

 

 

 

Zum Schluss eine kleine Improvisation mit selbst eingestelltem Sound und viel Effekt-Anteil:

 

Fazit

Zuerst eine Warnung: Dieses Instrument hat Suchtpotential! Mein Testbericht wäre schneller fertig gewesen, hätte ich der Versuchung widerstanden, immer weiter zu spielen und zu spielen und immer neue Sound-Variationen auszuprobieren.

Mit dieser Sampling-Library wurde wirklich die „Seele“ des Instruments eingefangen, das merkt man beispielsweise beim Vergleich mit dem qualitativ gleichwertigen Session Keys Electric-R, einem Rhodes Mark I Stage Piano Baujahr 1976. Es ist wie bei den Gitarren: Telecaster oder Stratocaster – beide gut, aber unterschiedlich im Sound. Electric R und S sind mit identischen Sound-Presets und Animator-Phrasen ausgestattet. Besitzt man beide und lädt in der DAW jeweils eine Instanz, ist ein direkter Sound-Vergleich möglich.

Wirklich toll sind die Möglichkeiten, mit Hüllkurven und Rückwärts-Samples eigene Klänge zu erstellen, die mit dem Vorbild nicht erzeugt werden können. Über die gelungene Integration des NKS-Systems werden sich User von Native Instruments KOMPLETE freuen, vor allem wenn eine gewichtete Klaviatur mit Light Guide zur Verfügung steht.

Das SESSION KEYS ELECTRIC S ist für mich die beste Suitcase-Emulation auf dem Markt und außerdem preisgünstig. Das gilt insbesondere für das Bundle aus ELECTRIC R und ELCTRIC S. Für R-Besitzer gibt es für wenig Geld ein Upgrade zum Bundle.

Während ich diesen Text schreibe, hat in Brasilien die Olympiade begonnen. Goldmedaillen kann ich nicht vergeben – aber den music-knowhow Redaktionstipp!

 

Daten

Session Keys Electric S

•1973 Suitcase

•Zwei separate Soundbänke: Studio und Live

•Pentamorph Klangsteuerung transformiert den Gesamtsound mit einem einzelnen Regler

•Animator mit mehr als 400 flexiblen Klavier-Phrasen

•Smart Chord Funktion erzeugt Akkorde aus einzelnen Tasten oder Pads

•Effektkette mit Tremolo/AutoPan, Chorus, Phaser, Amp Simulator Compressor und Convolution Reverb

•Native Instruments NKS kompatibel

•Größe: 18,8 GB / 9,9 GB (verlustfreie Sample-Kompression)

•24 bit, 44.1 kHz

•Benötigt den kostenlosen Kontakt 5 Player oder Kontakt 5 Version 5.5.1 oder höher

Preise

Vollversion €79,- / $79

ELECTRIC R + S Bundle €129:-

Upgrade von ELECTRIC R zum Bundle: €49,-

Website des Herstellers: e instruments

 

music-knowhow-award

 

Testbericht e-instruments SESSION KEYS ELECTRIC R hier…

 

Meine aktuellen Testberichte und mehr zum Thema Musik immer hier…

 

Ein vollständiges Inhaltsverzeichnis meiner Artikel auf facebook hier…

5 thoughts on “Test: e-instruments SESSION KEYS ELECTRIC S

  1. Jörn

    Hallo Jürgen,

    der Neugierde halber: Lässt sich damit der Sound aus dem Pink-Floyd-Song „Sheep“ nachstellen?

    Jörn

    Reply
  2. Jürgen Drogies Post author

    Hi Jörn, diese Frage hatte ich beinahe schon erwartet 🙂
    ch weiß, dass das dein Lieblings-E-Piano-Sound ist. Mir ist so, als hätte ich mal gelesen, Pink Floyd hätten ein Wurlitzer verwendet, weiß ich aber nicht mehr genau. Ich habe den Sound nicht so im Ohr, aber ich höre mal rein!

    Reply
  3. Jürgen Drogies Post author

    Ich habe mir „Sheep“ gerade auf YouTube angehört. Das klingt sehr nach Suitcase und ich bin sicher, dass man das „nachbauen“ kann, auch mit der Modulation. Vielleicht finde ich Zeit und versuche es mal, dann kommt es hier mit als Soundbeispiel rein. (Aber nur „angelehnt“ wegen der GEMA).

    Reply
    1. Jörn

      Da bin ich sehr gespannt! Die Pink-Floyd-Version klingt in meinen Ohren sehr nach Holz. Kein bisschen nach Metallzungen. Für mich ist das der beste Rhodes-Sound, den ich je gehört habe.

      Reply

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