Was ist ein "cooler Sound?" – Teil 4 –

By | 9. März 2013

„After all the Jacks are in their boxes, and the clowns have all gone to bed…“ (Jimi Hendrix 1967, The wind cries Mary)

In der vierten Folge meiner Betrachtungen zum Thema „Sound“ geht es um Gitarren, Effekte Verstärkeranlagen und „guitar heroes“.

Als Schüler fand ich den Musikunterricht schrecklich und konnte mir zunächst nicht vorstellen, ein Instrument zu erlernen. Dann hörte ich im Radio den Sound der englischen Band „The Shadows“ und war begeistert, nicht nur von der für damalige Verhältnisse „rockigen“ Musik, sondern auch vom metallischen Sound der Gitarren und den Echo-Hall-Effekten. Weniger begeistern konnten mich die „Spotnicks“, die, soweit ich mich erinnern kann, noch mehr Hall verwendeten und irgendwie nicht so „satt“ klangen. Schon damals war Sound für mich sehr wichtig, genauso wichtig wie Rhythmus, Melodie und Harmonien in der Musik.

Wer sich mit den Biografien seiner Vorbilder beschäftigt wird feststellen, dass auch diese ihre Vorbilder hatten. Vor einigen Jahren habe ich mir in einem Anfall von Nostalgie eine DVD der Shadows gekauft und fand im Bonusmaterial ein interessantes Interview. Demnach war Leadgitarrist Hank Marvin ein Fan von Buddy Holly & the Crickets und fand den Sound des Gitarristen toll. Da es auch im England der 50er-Jahre Fender Gitarren nicht im Laden um die Ecke gab, ließ er sich von einem Freund eine Stratocaster aus USA mitbringen. Er wusste nicht, dass der Gitarrist der Crickets eine Telecaster spielte. Mit der Fender Stratocaster gelang ihm dann sein eigener, typischer Sound, der auf vielen Hits zu hören ist. Ende der 1960er-Jahre waren die Shadows auf Fotos vorwiegend mit speziellen Shadows-Modellen der Firma Burns zu sehen. Wie ich gelesen habe, war der Grund ein Werbevertrag mit dem Gitarrenhersteller, für Aufnahmen wurde weiter die Fender Stratocaster benutzt. Der Sound war wohl doch besser.

Ich lernte also das Gitarrespielen, und zwar gleich auf einer E-Gitarre, für akustische Gitarren habe ich mich erst später interessiert. Die Gitarre war von der deutschen Firma Hopf und das Modell hieß Telestar (nicht „Telstar“, wie der erste Fernsehsatellit). Als ich dann gemeinsam mit meinem Bruder unsere erste Band „The Outcasts“ gegründet hatte, kaufte ich eine gebrauchte Vox-Gitarre, die besser klang. Kein Wunder, denn wie ich viel später gelesen habe, soll die Verstärker-Firma Vox nie eigene Gitarren gebaut haben, statt dessen wurden die Vox-Gitarren  angeblich von Fender hergestellt.

Verzerrte Gitarrensounds hörte ich zuerst auf Songs wie „Satisfaction“ von den Rolling Stones und „Gimme some lovin‘ “ von der Spencer Davis Group. Ein neuer Sound! Ein technisch begabter Schulfreund bastelte mir den ersten Verzerrer. Später kaufte ich unter anderem ein „Fuzz Face“ von Arbiter. Mein Fender „Blender“ ( ca. 1971) funktioniert heute noch und muss ab und zu eingesetzt werden. Er macht tolle, auch recht schrille Obertöne und kann damit auch mächtig nerven.

Gleichzeitig mit der neuen Gitarre erschienen neue Vorbilder: Cream mit Eric Clapton und natürlich Jimi Hendrix. Obwohl wir mit der Band vom ersten Auftritt an eine (!) Eigenkomposition im Programm hatten, übten wir ständig neue Songs von bekannten Bands ein. Ich spielte mit Begeisterung „Fire“, „Purzle Haze“ und andere Titel der Jimi Hendrix Experience. Das Publikum in den Jugendheimen war weniger begeistert, gerade die Mädchen wollten lieber Stücke von den Bee Gees hören.

Während Rockmusik immer lauter wurde, legten sich auch bei uns in Bremen die heimischen Bands Marshall-Anlagen zu. Für Verzerrung sorgten die absichtlich übersteuerten Röhrenverstärker, Verzerrer waren für viele Musiker total out. Die Gibson Les Paul wurde zur beliebtesten Gitarre. In den 1970-er Jahren hatte ich dann auch meinen Marshall-Stack. Meine aktuelle Gitarre war zunächst eine Gibson SG, ab 1973 eine Fender Telecaster Custom, die ich heute noch benutze.

Zurück zur Frage „Was ist ein cooler Sound?“ „Was ist ein angesagter Sound?“ lautet manchmal die Frage. Irgendwann sagte ein Mitspieler in unserer Band zu mir, ich sollte dringend mal an meinem Gitarrensound arbeiten. „Weißt du, wie sie dich nennen?“ „Den Verzerrer.“ Verzerrer waren einfach nicht mehr „in“! Dabei hat Hendrix bei jedem Auftritt und bei seinen bekanntesten Titeln mit Verzerrer gespielt und sein Sound ist bis heute legendär.

Wenn es um den Sound geht, geht es nicht immer nur um das, was wir mit unseren Ohren wahrnehmen. Mode und Trends spielen eine Rolle und noch etwas: Kult. Und da stößt mein Verständnis an seine Grenzen. Vor kurzem las ich das Taschenbuch „Jimi Hendrix. Seine Instrumente, Spielweise und Studiotricks“ aus dem Verlag PPV Medien. Auch wenn in diesem Buch die Beschreibung der Effektgeräte ausführlicher ist als der Rest, finde ich es informativ und gut geschrieben. Interessant finde ich, dass Jimi seine Instrumente wohl meistens „von der Stange“ gekauft hat. Er hat immer mal eine Gitarre verschenkt und auf Tour die Roadies losgeschickt, ein paar neue zu besorgen. Trotzdem sind Nachbauten der  „Originale“ teuer und begehrt. Diese Gitarren werden teilweise auch künstlich gealtert. – Hallo! – Jimi hatte seine doch frisch aus dem Laden, oder? Sogar die Verstärker-Röhren und Lautsprecher werden nach Originalplänen nachgebaut. Die Dinger gingen damals dauernd kaputt, darum hatte Hendrix immer Ersatzgeräte und einen Techniker mit auf Tour. Brauchen wir das heute auch, für ein echtes Vintage-Feeling?

1970 habe ich Jimi Hendrix bei seinem letzten Festival-Auftritt auf der Insel Fehmarn gesehen. Das war sehr eindrucksvoll. Eine Einheit von Gitarrenspiel, Gesang und geschmeidigen Bewegungen, eine Performance die nicht einstudiert wirkte, sondern wie sie nur jemand bringen kann, der mit Körper und Seele zugleich in seiner Musik aufgeht.

Ich wüsste gern, welchen Sound Jimi Hendrix im Jahr 2013 cool fände.

Meine aktuellen Testberichte und mehr zum Thema Musik immer hier…

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8 thoughts on “Was ist ein "cooler Sound?" – Teil 4 –

  1. joern

    Welchen Sound Jimi heute spielen würde, werden wir nie erfahren, aber zum Artikel insgesamt passt ein Statement, das ich vor kurzem auch zitiert habe (da ging es – natürlich – um Fotografie). Der Satz stammt von Allan Snyder. Er sagte (Zitat):

    Zwischen Intuition und Versagen liegt oft nur ein schmaler Grad. Kreativität ist ein Akt der Rebellion. Sie müssen durch und durch subversiv sein, um die Regeln zu brechen und gegen Konventionen anzugehen. Oder, schon per Definition: Wenn alle akzeptieren, was Sie machen, sind Sie sicher kein Vorreiter, sondern verfolgen nur alte Strickmuster.

    Das passt auch in der Musik – zumindest, wenn man sich absetzen will. Ich vermute, dass Jimi – hätte er noch immer das „Feuer“ von damals in sich, er sich auch heute absetzen wollen würde. Schade, dass wir nie erfahren werden, wie sich das angehört hätte.

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  2. juergen Post author

    Stimmt, was alle akzeptieren ist meistens nicht besonders kreativ. Da denke ich in der Musik gleich an Bon Jovi, inzwischen Radio-taugliche Langweiler!

    Ich finde es aber auch nicht unbedingt schlecht, wenn handwerklich gut gemachte Kunst (nicht nur Musik) „alten Strickmustern“ folgt, das muss ja nicht uninspiriert sein.

    Aber aufregender fand ich immer schon Sachen, die nicht jedem gefallen. In einem Ärzte-Song heißt es „Aber ist das noch Punkrock, wenn euer Lieblingslied in den Charts ist?“ Ich meine, das gilt nicht nur für Punk.

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    1. joern

      Da fällt mir ein: Wurde das eigentlich schon mal anders herum probiert – so a la „Rockband covert Schlagerstar“?

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  3. juergen Post author

    Ich weiß nicht. Wäre witzig, wenn die Bands, die von Heino gecovert wurden, den Spieß umdrehen würden. Aber ob das ein Erfolg werden würde?

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  4. joern

    Die von dir zitierte Frage von den Ärzten kannte ich gar nicht. Gefällt mir aber. 🙂

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