Test: Spitfire Audio – Hans Zimmer Strings

By | 12. April 2018

Die Hans Zimmer Strings von Spitfire Audio sind ein Fall für das Guiness Buch der Rekorde. Nicht weniger als 344 Musiker waren für die Produktion der gewaltigen Sampling-Library in den Londoner Air Studios im Namen des Meisters tätig. Violinen, Violen, Cellos und Kontrabässe sind mit einer Vielzahl von Artikulationen vorhanden.

Air Studio London, Aufnahmeraum

 

Hans Zimmer hat gesagt, die wahre Magie beim Sampling bestehe darin etwas zu schaffen, was in der Realität unmöglich ist. Das trifft hier zu, denn 344 Musiker einen Soundtrack live einspielen zu lassen ist normalerweise unrealistisch. Die Sampling-Technologie macht es aber möglich, Musik mit solch einer gigantischen Besetzung zu produzieren. Das vom Beatles-Produzenten George Martin gegründete Air Studio befindet sich in einer ehemaligen Kirche und ist für seine gute Akustik bekannt. Streicher-Gruppen wurden auch auf den Emporen platziert; aus der Entfernung aufgenommen, kommt so der echte Raumhall zur Geltung. Gleichzeitig wurde Mikrofonierung aus der Nähe und in unterschiedlichen Abständen und Positionen verwendet. Die Presets bieten bis zu 26 mischbare Mikrofonkanäle.

 

Specs in Kürze

• 195 804 Samples
• 424.11GB unkomprimiert WAV
• Disk space erforderlich: 183.27GB
• Disk space während Installation: 200GB
• 147 Spieltechniken
• 234 Presets
• Bis zu 26 Mikrofon-Positionen
• Plug-in Formate: AU, VST2, VST3, AAX
• aufwändig gesampelt:
– zahlreiche Instrumente
– zahlreiche Techniken
– zahlreiche Dynamik-Stufen
– zahlreiche Round Robins
– Release Samples
– Legato

 

Geigerzähler

Die Grafik im Manual zeigt die Verteilung der vier Streicher-Gruppen im Studio: Violinen, Violen, Cellos und Bässe.

 

Die Vielzahl der gesampelten Spieltechniken stellt dem Komponisten am Computer eine Menge Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung. Durch die hohe Anzahl der Musiker bekommen manche Spieltechniken eine neue Qualität. Christian Henson von Spitfire Audio beschreibt das so:

„Wenn man die Kraft großer Streicher-Besetzungen zusammenführt, ist es wie bei der Faden-Anzahl ägyptischer Baumwolltücher; je größer die Anzahl, desto seidiger fühlen sie sich an. (…)“

Sein Geschäftspartner Paul Thomson fügt hinzu:

„ Man bekommt das Gefühl, etwas völlig Neues und außergewöhnlich Klingendes schaffen zu können – beispielsweise ist die erste Erfahrung unvergesslich, wenn man 60 außergewöhnliche Cellisten so leise wie möglich gedämpft spielen hört! (…)“

 

Installation

Die Sample-Library Hans Zimmer Strings ist nicht nur online, sondern auch als Hard-Drive-Version erhältlich. Ich beschreibe hier kurz die Installation per Download:

Der Download erfolgt mit Hilfe der neuesten Version des Spitfire Audio Library Managers. Alle Schritte zum Download und zur Installation werden auf der Website ausführlich erklärt. Während der Installation müssen 200GB Speicherplatz zur Verfügung stehen. Unkomprimiert umfasst die Library 421,11GB WAV-Dateien, komprimiert 183,27GB. Es ist möglich, einen abgebrochenen Download fortzusetzen, falls Probleme mit dem Internet auftreten.

Das User-Interface

NI Kontakt oder der Kontakt-Player werden nicht benötigt. Hans Zimmer Strings ist eine Library mit eigenem Player und eigenem Graphical User-Interface (GUI). Das Plug-in ist in den Formaten VST2, VST3, AU und AAX erhältlich. Das Interface wurde von der Agentur UsTwo gestaltet und verspricht einen einfachen Zugriff auf den Content einschließlich der Suche nach Presets. Die Bedienelemente zur Klangsteuerung sind eindeutig und optisch reduziert dargestellt und übersichtlich angeordnet. Auf ablenkende Ausschmückungen wurde verzichtet.

 

 

Der Player ist von oben nach unten in mehrere Bereiche gegliedert. Zwischen den Bedienelementen und Beschriftungen gibt es viel Platz. Wenn man andere Spitfire-Libraries kennt, kommen einem die meisten Bedienelemente und Bezeichnungen bekannt vor. In einem früheren Test habe ich die winzige Darstellung in NI KONTAKT bemängelt. Das Problem gibt es hier nicht, die Oberfläche wirkt edel und die Größe kann dem Monitor angepasst werden. Der stylische Look gefällt mir gut, allerdings könnte der große Drehregler bei Tageslicht einen etwas helleren Grauton vertragen. Bei schummriger Studiobeleuchtung ist es okay. Wenn mehr als 8 Artikulationen vorhanden sind, muss die Darstellung umgeschaltet werden, obwohl ausreichend Platz vorhanden wäre; vielleicht keine optimale Lösung. Eine Stand-Alone-Version gibt es nicht. Wie in KONTAKT werden Hilfe-Texte in der Fußleiste angezeigt.

 

Top

Die Kopfleiste zeigt Informationen zur CPU-Auslastung, Arbeitsspeicher-Belegung, zum MIDI-Kanal und mehr. Auch ein waagerechter Regler für die Gesamtlautstärke ist hier vorhanden,

Der Balken darunter ist durch einen anderen Grauton leicht abgesetzt und enthält das Preset-Management. Wenn man an auf den aktuellen Preset-Namen klickt, öffnet sich darunter der Preset-Selector.

 

 

Presets

Bei einer Sampling-Library muss zuerst ein geeignetes Preset gewählt werden, bevor es daran geht, Sounds zu verändern oder zu steuern. Der Preset-Selector besitzt Filter-Funktionen, mit denen unter der Vielzahl der Artikulationen gesucht werden kann. Die Struktur zur Preset-Wahl ist übersichtlich, die Liste lässt sich scrollen. Es gibt sogar eine Vorhör-Funktion für jedes Preset. Ich habe die Grafik aus dem Manual mit deutschen Erklärungen versehen.

 

 

Main Control – Zwei Fader und ein „Big Knob“

Das Zusammenspiel von VOLUME und DYNAMICS bestimmt über die Gesamtlautstärke und den Einsatz der dynamischen Layer. Bei den Bezeichnungen gibt es eine kleine Ungereimtheit, der Regler, der im Manual „Volume“ heißt, wird im integrierten Hilfe-Text „Expression“ genannt. Keyboarder, die ein Expression-Pedal verwenden, steuern damit andere Parameter als die Gesamtlautstärke, deshalb ist diese Bezeichnung unter Umständen irreführend.

Der große Drehregler lässt sich konfigurieren und kann jeweils einen Parameter für eine bestimmte Spieltechnik beeinflussen. Allerdings gibt es nur wenige Möglichkeiten der Zuordnung (Reverb, Release, Tightness, Vibrato), sodass mir das Rad etwas überdimensioniert vorkommt.

 

 

Die Controller-Bedienelemente lassen sich außerdem extern über MIDI steuern, die Zuordnung erfolgt wie gewohnt mit der rechten Maustaste bzw. Control+Klick beim Mac.

 

Pages

Mit drei kleinen Icons kann man zwischen den Pages TECHNIQUE, SIGNAL MIXER und CONTROLLERS umschalten. Das Symbol der aktuell angezeigten Page erscheint rot unterstrichen.

Spieltechniken

Zu jedem Instrument gehört ein Preset mit dem Namen „All In One“. Hier stehen alle dafür vorhandenen Spieltechniken zur Verfügung. Sie lassen sich mit Keyswitches umschalten, die ebenfalls auf dem Mini-Keyboard in der Fußleiste dargestellt werden und auch dort bedient werden können. Alternativ können sie über eine der Schaltflächen mit erklärenden Noten-Symbolen gewählt werden. Auf der rechten Seite sind dann noch etliche Einstellungsmöglichkeiten für Trigger, Keyswitches, das Verhalten der Round-Robin-Funktion sowie ein Eingabefeld zum Transponieren in Halbtonschritten.

 

 

Signal Mixer

Eine sehr große Anzahl von Mikrofonpositionen steht im Mixer zur Verfügung, sechs davon werden gleichzeitig dargestellt. Mit den Punkten oder den Pfeilsymbolen darunter lässt sich eine anderes Fader-Set aufrufen. Das Stereo-Bild kann enger oder weiter eingestellt werden. Der Mixer verfügt über ein eigenes Preset-Management.

 

 

Controller

Die Page CONTROLLERS bietet Zugriff auf die Effekt-Einstellungen REVERB, RELEASE, TIGHTNESS und VIBRATO. Sie lassen sich direkt bedienen oder auch MIDI-Controllern zuweisen. Der Parameter „Tightness“ verschiebt den Samplestart, sodass die bei Streichinstrumenten deutlich hörbare Attack-Phase mehr oder weniger abgeschnitten wird. Das erleichtert punktgenaues Einspielen im DAW-Timing. Nach dem Einspielen sollte der Wert wieder zurückgesetzt werden. Um die Streicher dem Timing perkussiver Instrumente anzupassen, empfiehlt sich dein negatives Track-Delay.

 

 

Automation

Viele Bedienelemente, wie beispielsweise Volume und Dynamics, werden ohne manuelle Zuordnung von der DAW-Automation erkannt (in meinem Fall Logic Pro X). Keyswitches lassen sich als MIDI-Noten aufzeichnen, sie funktionieren in gleicher Weise, wie in Native Instruments KONTAKT. So sieht die Darstellung von Automations-Daten in Logic aus:

 

 

Hörbeispiele

Die Hörbeispiele wurden ohne Verwendung externer Plug-ins wie Hall oder Delay angefertigt. Alle Schwell-Effekte habe ich mit dem Volume- und dem Dynamics-Fader erzeugt. Auf keiner Spur wurde ein Equalizer benutzt, alles klingt „as it comes“.

„60 Cellos“ ist das Default-Preset der HZ-Strings und damit habe ich auch meinen Test begonnen. Das Hörbeispiel beginnt mit der Legato-Spielweise. Echtes Legato mit fließenden Übergängen ist nur 1-stimmig möglich. Die Cellos (man kann auch Celli sagen, der Duden erlaubt beides) spielen unisono. Im zweiten Abschnitt wurde auf die Artikulation LONG umgeschaltet, ab hier sind Akkorde zu hören. TREMOLO CS PONT WAVES heißt die leisere Spielweise des dritten Teils. CS bedeutet Con Sordino – mit Dämpfer. Die letzte Artikulation ist SHORT.

 

Auch das Violinen-Demo beginnt mit der Artikulation LEGATO, darauf folgt LONG. Der dritte Abschnitt mit gedämpften Violinen LONG SOFT CS ist sehr dezent. Darauf folgen SHORT und BARTOK PIZZICATO, eine geräuschvolle Spielweise, bei der die gezupften Saiten auf das Griffbrett „zurückschnappen“. Die letzte Spielweise heißt einfach FX 2 und besteht nur aus Geräuschen. Bei einigen Akkorden habe ich Vibrato hinzugefügt.

 

Die Violen, auch Bratschen genannt, haben einen wärmeren Klang als die Violinen. Auf LEGATO folgen LONG, LONG CS, SHORT, PIZZICATO und zuletzt LONG HARMONICS, das sind Obertöne, ähnlich den Flageolett-Klängen bei der Gitarre.

 

Bei den Kontrabässen (hier sind es 24 Instrumente und Spieler) sind folgende Artikulationen zu hören: LEGATO, LONG, LONG SUL PONT, SHORT und TREMOLO. „Sul pont“ bedeutet „nahe am Steg“ gespielt.

 

Zum Schluss ein kurzes Demo, bei dem ich 9 Instanzen des Plug-ins mit unterschiedlichen Sounds eingesetzt habe. Man hört ausschließlich die Hans Zimmer Strings. Perkussive Klänge sind beim Bass zu hören, es handelt sich dabei um die Spieltechnik „Bartok Pizzicato“. Nur bei den Violinen habe ich den im Plug-in integrierten Hall verwendet. Alle anderen Raumeffekte stammen von der natürlichen Akustik des Air-Studios. Mikrofone auf der Balustrade haben den Raumhall eingefangen und lassen sich zumischen. Ein weitgehend trockener Klang wäre bei ausschließlicher Verwendung der Close-Mikros erzielbar.

 

Fazit

„Designed for composers, by composers“ heißt der Slogan, mit dem Spitfire Audio für die Hans Zimmer Strings wirbt. Ich kann bestätigen, dass die wunderschönen Sounds sofort dazu inspirieren, eigene Musik zu machen. 344 Musiker, die eine Sampling-Library nur mit Streichinstrumenten einspielen, das klingt schon toll, aber was zählt ist das Ergebnis! Ich hoffe, dass meine Hörbeispiele etwas von der Atmosphäre dieser Aufnahmen erkennen lassen. Alle Instrumentengruppen klingen lebendig, räumlich und emotional. Die neue, spezielle Bedienoberfläche ist modern und übersichtlich. Auch „unter der Haube“ ist der Player sehr gut programmiert worden. Das Laden der Sampling-Daten geht flott vonstatten und es lassen sich viele Instanzen verwenden, ohne dass die CPU-Last stark ansteigt. Die Presets enthalten auch viele ungewöhnliche Artikulationen, mit denen atmosphärische Sounds und stimmungsvolle Untermalungen möglich sind. Sogar atonale Soundeffekte sind vorhanden. Die Hans Zimmer Strings von Spitfire Audio sind ein High-End Produkt und deshalb nicht billig. Sie verdienen eine uneingeschränkte Empfehlung im Bereich Qualität!

 

 

Systemanforderungen

PC: Windows 8 oder neuer, Minimum Intel i5 2,8 GHz (Dual Core), 8 GB RAM

Mac: OS X 10.10 oder neuer, Minimum Intel i5 2,8 GHz (Dual Core), 8 GB RAM

Plug-in Formate: VST 2, VST 3, AU, AAX

 

Preis

€599,- (Einführungspreis) sonst €799,-*

Hersteller: Spitfire Audio

* Der Preis wurde am 12.04.2018 online ermittelt.

 

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