Test: Spitfire Audio Orchestral Swarm

By | 9. Dezember 2017

Orchestral Swarm von Spitfire Audio ist keine gewöhnliche Orchester Library. Durch die besondere „punktuelle“ Spielweise der Musiker bei den Sampling-Aufnahmen wurde ein einzigartiger, modulierter Sound eingefangen. Das Kontakt-Instrument enthält zahlreiche Instrumentengruppen und Artikulationen.

Orchester Sampling-Libraries machen es möglich, große Sinfonie-Orchester aus dem Computer zu zaubern. Besonders im Genre Filmmusik kommt das zur Anwendung. Wenn das Budget ausreicht, rühmt sich mancher Filmmusiker, ein richtiges Orchester eingesetzt, oder sogar selbst dirigiert zu haben. Während der Kompositions-Phase werden aber auch hier Sampling-Libraries für Demos benutzt. Bei der Produktion von TV-Serien reichen Zeit und Geld für ein echtes Orchester oft nicht aus, dann kommt alles aus dem Computer. Ist das schlecht? Nicht unbedingt, es kommt eben immer auf den Einzelfall an. Die Aufnahme-und Wiedergabetechnik beim Sampling ist nicht schlechter als bei einem Konzertmitschnitt. Der kreative Einsatz elektronischer Mittel macht manchen Soundtrack besonders eindrucksvoll.

 

 

Orchestral Swarm – das etwas andere Orchester

Sound-Verfremdungen werden im allgemeinen nachträglich mit Effektgeräten oder Plug-ins erzeugt. Bei Orchestral Swarm ist das anders. Schon beim Einspielen der Sampling-Aufnahmen wurden spezielle Klangeffekte gewissermaßen „analog“ erzeugt, indem die Musiker die Aufgabe hatten, anstelle durchgehender langer Töne kurze Noten in Abständen zu spielen. Alle Musiker spielten zwar den gleichen Ton, aber verschiedene, sich überlappende rhythmische Muster. So entstand eine Art Granular-Effekt, ein lebendiger Schwarm von Tönen. Um rhythmisches Spiel zu ermöglichen, gibt es auch kurze Noten, die aber ebenfalls auf interessante Art verfremdet klingen. Die Grenzen zwischen Realismus und Sound-Design sind fließend. Bekannte Orchester-Spielweisen wie Spiccato und Pizzicato wurden berücksichtigt, alles klingt aber irgendwie mystisch und geheimnisvoll.

 

Der Hintergrund

Die Library entstand in Zusammenarbeit von Spitfire Audio und Bleeding Fingers, einer Musikproduktionsfirma, an der Hans Zimmer beteiligt ist. Die Sounds wurden ursprünglich für die BBC-Serie Blue Planet II entwickelt und später auch für („Ocean) Bloom“, die gemeinsame Arbeit von Hans Zimmer mit Radiohead verwendet. Zusammen mit nachträglich aufgenommenem Zusatzmaterial wurde daraus Orchestral Swarm.

 

Die Aufnahmen

Als Aufnahmestudio diente das von Mark Knopfler gegründete British Grove. Neueste Technik und legendäre Hardware standen zur Verfügung. Für die Aufnahmen wurden ein Neve 88r Mischpult und eine EMI TG Konsole benutzt, die schon George Martin und die Beatles verwendet hatten. Mikrofone von Royers, Ela M, Neumann und Coles waren im Einsatz.

 

Installation

Nach dem online-Kauf beginnt der Download mit Hilfe des Spitfire Audio Library Managers. Alle Schritte zum Download und zur Installation werden auf der Website ausführlich erklärt. Während der Installation müssen 59,4GB Speicherplatz zur Verfügung stehen, unkomprimiert umfasst die Library 50,1GB, komprimiert 29,7GB. Eine schnelle Internetverbindung ist vorteilhaft, aber zum Glück ist es möglich, einen abgebrochenen Download fortzusetzen. Mein erster Versuch war trotzdem erfolglos, denn eine Datei fehlte. Es muss unbedingt eine Datei mit der Endung NICNT vorhanden sein, sonst erkennt Native Access die Library nicht und meldet „path not valid“. Mit Hilfe der Native-Instruments-Verwaltungs-Software Native Access wird die Lizenznummer registriert und mit „Add Library“ aktiviert. Wer NI Kontakt besitzt, kann gleich loslegen, sonst lässt sich der kostenlose Kontakt Player herunterladen, damit geht es auch.

 

Die Instrumente

Es gibt in dieser Library keine Einzelinstrumente, denn die besondere Spieltechnik eignet sich nur für Ensembles.

Die Bezeichnungen der Gruppen:

  • Bones and Tubas
  • Brass
  • Horns
  • Strings High
  • Strings Low
  • Woods High
  • Woods Low

Das grafische Interface

Der spartanische Eindruck der Grafik täuscht, es gibt 3 Pages und jede Menge Möglichkeiten, die Sounds zu „tweaken“. Leider sind einige Beschriftungen winzig klein und obwohl NI Kontakt in Grenzen skalierbar ist, ändert sich dabei nicht die Darstellungsgröße im Rack.

 

GUI mit Hilfe-Text in NI KONTAKT

 

Die Abbildung zeigt links im Library-Browser das Plug-in. Mit einem Klick auf „Instruments“ erscheint das Menü mit den 7 Ensembles.  Ganz unten sieht man das Ordner-Symbol „Advanced“. In diesem Ordner befinden sich für jede Instrumentengruppe Presets mit jeweils einer Artikulation. Insgesamt verfügt man so schon über eine große Anzahl interessant und ungewöhnlich klingender Sounds, ohne eigene Einstellungen vorgenommen zu haben.

Die Rack-Ansicht im Haupt-Fenster zeigt das Bedienpanel. Die (abschaltbare) online-Hilfe blendet Sprechblasen mit Erklärungen ein. Alternativ kann man an vielen Stellen das kleine „i“ anklicken. Ich habe hier die dritte von 8 Artikulationen für das geladene Instrument gewählt. Das ist daran erkennbar, dass der dritte Punkt am unteren Rand des Bedienpanels grau unterlegt ist und, wenn man ganz genau hinsieht, dass die dritte Keyboard-Taste gedrückt erscheint. Die rot eingefärbten Tasten kennzeichnen 8 Key-Switches für die Artikulationen, die blauen sind zum Spielen da.

 

1. Overview

Nach dem Start erscheint die Overview-Ansicht, hier ohne Sprechblase.

 

Die Main Page „Overview“

 

Links oben sind drei kleine Icons zu sehen, mit denen die Pages umgeschaltet werden:

  1. Overview
  2. General Controls Panel
  3. Ostinatum

Ganz unten links sind weitere Fein-Einstellungen zugänglich, die sich u. a. auf  Sample Start und Round Robins auswirken können.

Fünf senkrechte Regler im grauen Bedienungspanel dienen als Mixer für die verwendeten Mikrofonpositionen. An ihrem unteren Rand befindet sich jeweils ein Ein/Aus-Schalter. Die Bezeichnungen darunter lauten:

  1. C = Close mics
  2. T = Tree (3 Mikros über dem Dirigentenpult)
  3. O = Outriggers = Ein Set von Vintage-Mikrofonen, weit voneinander entfernt, links und rechts vom Dirigentenpult
  4. ST = Stereo Mic (näher am Boden und direkter als Tree)
  5. R = R88 Ribbon (Stereo-Bändchenmikro mit besonders warmem Sound)
  6. M = Mid Room (extra Stereo-Panning für Brass, nicht vorhanden bei Streichern)

Die Wirkung der Mikrofonpositionen ist wirklich außerordentlich, am besten hört man das mit guten Kopfhörern. So kann man eine natürliche Tiefenstaffelung der Instrumente vornehmen, ohne zusätzliche Raum-Plug-ins zu verwenden.

Vier waagerechte Fader haben die, teilweise selbsterklärenden Bezeichnungen:

  1. Dynamics (Crossfade zwischen den aufgenommenen Dynamik-Layern)
  2. Expression (Gesamtlautstärke des Instruments)
  3. Variation (Umschaltung zwischen 2 Variationen derselben Artikulation)
  4. Long reverb
  5. Short reverb.

Viele Bedienelemente können MIDI-Controllern zugewiesen werden und lassen sich dann live mit externer Hardware steuern, oder mit den Möglichkeiten der DAW automatisieren.

2. General Controls

Hier befindet sich die Preset-Verwaltung, Einstellungen für Tuning und diverse Steuerungs-Parameter.

 

Die Control Page

 

3. Ostinatum

Das Ostinatum ist ein Step-Sequencer, der nur für Artikulationen mit kurzen Noten verfügbar ist. Bis zu 8 Patterns können programmiert werden, die nacheinander ablaufen, oder auch über Keyswitches einzeln getriggert werden können. Die einzelnen Steps können verschiedene Notenlängen haben, auch die Velocitiy pro Note ist einstellbar. Leider wird, meiner Meinung nach, die Bedienung durch die winzig kleine Darstellung im User-Interface erschwert.

 

 

Systemauslastung:

Ich habe Spitfire Audio Orchestral Swarm auf einem MacBook Air, Intel i5, 4 GB RAM mit macOS High Sierra 10.13.2 getestet. Für meine Hörbeispiele wurden bis zu 5 Instanzen gleichzeitig eingesetzt, ohne dass es zu Problemen kam. Für die Beispiele wurden keine Freeze-Tracks verwendet, der Mix wurde jeweils in Logic Pro X gebouncet.

 

Die Ostinatum Page

Hörbeispiele

Aus der Rubrik „Horns“ die Artikulation „Flutter Swarm:

 

Ein Ostinato-Pattern, Ensemble „Wood High“:

 

Eine Abwandlung des Patterns mit dem gleichen Sound in anderer Lage:

 

„Strings Low“ mit 2 unterschiedlichen Artikulationen:

 

Die nächsten beiden Beispiele sind Mehrspur-Aufnahmen, die ich mit Logic Pro X eingespielt und mit IK-Multimedia T-RackS 5 gemastert habe.

Im folgenden Song wurden ausschließlich Sounds von Orchestral Swarm innerhalb von 5 Instanzen NI KONTAKT verwendet:

 

Auch zusammen mit anderen Instrumenten kann sich die Library hören lassen. Außer Orchestral Swarm spielt hier noch ein Logic Drummer und der Bass kommt vom Plug-in IK-Multimedia MODO BASS.

 

Fazit

Mit Orchestral Swarm hat Spitfire Audio eine einzigartige Library auf den Markt gebracht. Die Verfremdung der Instrumente wurde schon bei den Aufnahmen durch ungewöhnliche Spielweisen erzeugt. Während Orchestersamples manchmal eher gleichförmig klingen, weil der Sound zu unterschiedlichen Musikstücken passen muss, haben die Klänge von Orchestral Swarm ein Eigenleben. Trotz der vielen Variationen und Bearbeitungsmöglichkeiten eignet sich diese Library nicht zur Imitation eines „klassischen“ Orchesters, kann aber sehr gut als Ergänzung dazu dienen.

Einziger Kritikpunkt ist für mich die winzige Darstellung der Bedienelemente und Beschriftungen. In dieser Hinsicht sollte auch Native Instruments die Skalierbarkeit von Kontakt verbessern. Ein Plus für Benutzer von Native Instruments Komplete Kontrol Keyboards ist die Unterstützung des NKS-Standards. Damit ist eine komfortable Steuerung des Instruments möglich.

Wer auf abgefahrene Sounds steht und geheimnisvolle, mystische Klänge liebt, sollte hier zugreifen. Obwohl der Einsatz zur Filmvertonung oder für Games-Soundtracks auf der Hand liegt, bieten sich hier auch für Rock- und Popmusik frische Klänge, die einem Song eine ungewöhnliche Note verleihen können. Neben den interessanten Sounds hat mir vor allem die Möglichkeit gefallen, durch Mischen der Mikrofonpositionen natürliche Raumeindrücke zu erzielen.

 

Systemanforderungen:

PC: Windows 7 oder neuer, Intel Core Duo oder AMD Athlon 64 X2, 4 GB RAM (8GB empfohlen).

Mac: OS X 10.10 oder neuer, Intel Core 2 Duo, 4 GB RAM (8GB empfohlen).

Native Instruments KONTAKT oder KONTAKT PLAYER.

 

Preis:

$249,-*

*Preisangabe ohne Gewähr, entspricht dem Stand vom 09. 12. 2017 und wurde online ermittelt.

Ein Tipp zum Thema Preise, nicht nur auf dieses Produkt bezogen:
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