Test: Apple Musikmemos

By | 20. Juni 2017

Ich habe den akustischen Notizblock „Apple Musikmemos“ für sich und zusammen mit GarageBand und Logic Pro X ausprobiert. Der Test ist dadurch ausführlicher geworden, als ich gedacht hatte…

Kurz gesagt

Musikmemos ist eine kostenlose App für iOS und erlaubt Audioaufnahmen mit einem einzigen Tippen des Fingers. Die App erkennt Akkorde und fügt auf Wunsch Drums und Bass hinzu. So entstehen drei Spuren, die man bei Bedarf in GarageBand oder Logic Pro X importieren und weiter bearbeiten kann.

 

Zu diesem Test

Musikmemos ist überwiegend selbsterklärend und in Null-Komma-Nichts ausprobiert. Ich habe aber auch getestet, wie sich ein solches Memo – innerhalb der App „Idee“ genannt – weiterverarbeiten lässt. Dabei habe ich einige Nicht-Apple-Plug-ins eingesetzt, die zu meinen Favoriten gehören und über die ich auch schon Testberichte veröffentlicht habe. Deshalb sind die Namen dieser Plug-ins bei der ersten Erwähnung jeweils Links zum entsprechenden Test hier auf music-knowhow. Man könnte das auch eine kleine Bestandsaufnahme zum „Sommerloch“ nennen :-).

Ich möchte aber mit der Verwendung vieler Plug-ins niemanden entmutigen, der gerade anfängt, z. B. mit dem kostenlosen Programm GarageBand zu experimentieren. Wer hier mit bordeigenen Mitteln eine Idee zum fertigen Song weiter entwickelt, hat auch tolle Sounds zur Verfügung, wie beispielsweise den Synth Alchemy. Für Logic gilt das sowieso.

 

Warum umsonst nicht kostenlos ist (oder umgekehrt) und warum teuerer nicht immer besser ist.

iOS-Apps, mit denen man Ideen aufnehmen kann, gibt es mehrfach im App-Store. Manche kosten Geld, andere nicht. Es kommt auch vor, dass man eine Aufnahme aus einer kostenlosen App exportieren will. Niedrige Qualität – OK. Hohe Qualität: Hallo! In-App Kauf nötig! 

Apple bietet tolle Apps, umsonst oder für kleines Geld. Neben Musikmemos darf man auch GarageBand seit einiger Zeit umsonst laden. Warum dann die Überschrift dieses Kapitels? Um diese Apps zu verwenden, braucht man einen Mac oder ein iOS-Gerät. Macs sind teuerer als die meisten Windows-PCs, iPhone  und iPad kosten mehr, als die Mehrzahl der Android-Handys und Tablets. Aber die Apple-Software stellt durchaus einen echten Mehrwert dar. „Kostet nichts extra“ bedeutet keinesfalls „taugt auch nichts“!

GarageBand hat einen viel größeren Funktionsumfang, als man vermuten könnte, sogar eine Notendarstellung der MIDI-Einspielungen gibt es. Die Plug-ins sind zahlreich und entsprechen qualitativ dem großen Bruder Logic Pro X. Star der virtuellen Instrumente ist für mich der Synth Alchemy, der sogar in der iOS-Version enthalten ist. Bevor Apple den Hersteller aufgekauft hat, wurde Alchemy für einen höheren Preis angeboten, als heute das gesamt Paket Logic Pro X (Preis Apple Logic Pro X am 17.06.2017 €229,99).

 

Die Weser in Bremen, ein Fluss kann eine Inspirationsquelle sein.

 

Neulich an der Weser

Die Weser fließt mitten durch Bremen und bietet einige schöne Uferwege. Ich hatte gerade den Testbericht zum Konzertflügel Plug-in von Bechstein fertig gestellt und noch irgendwie eine Portion Piano-Sound im Kopf. Plötzlich fiel mir eine Melodie dazu ein, ein Instrumental-Thema. Ich habe es dann auf dem Heimweg ständig im Kopf wiederholt und zu Hause sofort als „Da-da di-da-da…“- Gesang mit dem iPhone aufgenommen und vor dem Vergessen bewahrt. Die App Sprachmemos reichte dafür aus. Aber es gibt noch etwas Besseres! Ich wusste von Musikmemos, hatte das Ausprobieren aber immer wieder verschoben – bis jetzt..

 

Butter bei die Fische

Mit dieser norddeutschen Redewendung möchte ich sagen, dass es nach der langen Vorrede jetzt zur Sache geht.

Apple Musikmemos – App für iPhone und iPad

 

Nachdem Musikmemos aus dem Apple App-Store auf das iPhone oder iPad geladen wurde, sieht man das Icon auf dem Bildschirm. Startet man die App, zeigt sich ein beinahe leerer Screen mit einem einzigen blauen Button im Zentrum. Sobald das iOS-Gerät über das eingebaute Mikrofon Schallschwingungen empfängt, entsteht ein Kreis um den Mittelpunkt, der sich ausdehnt wie Wellen, nachdem ein Stein ins Wasser geworfen wurde. Ein Tippen auf den Mittelpunkt/Button startet sofort die Aufnahme. Der Eingangspegel wird automatisch geregelt, sodass keine Übersteuerungen auftreten. Wenn man nach dem Start erst zur Gitarre greift, ist das auch in Ordnung, denn die Aufnahme lässt sich nachträglich trimmen.

 

Musikmemos Startscreen

 

Am oberen Bildschirmrand gibt es drei weitere Bedienelemente. Das Tippen auf AUTO bewirkt, dass die Aufnahme erst ab einem (nicht einstellbaren) Schwellenwert beginnt. Ich hatte damit zuerst keinen Erfolg, erst als ich das iPad so hingelegt hatte, dass das Mikrofon zu mir zeigte, funktionierte die Aufnahme. Die Schublade in der Mitte enthält die Aufnahmen. Diese lassen sich benennen; macht man das nicht, heißen die Dateien einfach „Idee 1“, „Idee 2“ usw.

Wer nicht befürchtet, seinen musikalischen Einfall sofort wieder zu vergessen, kann auch erst einmal sein Instrument stimmen. Dafür lässt sich mit dem Stimmgabel-Icon ein Stimmgerät aktivieren, das nicht nur Abweichungen vom korrekten Tuning anzeigt, sondern auch Notennamen darstellt.

 

Der integrierte Tuner (Bildausschnitt)

 

Achtung Aufnahme!

Einmal auf den Kreis in der Mitte tippen, Musik machen, noch einmal auf die gleiche Stelle tippen – fertig!

 

Nach der Aufnahme

Die Audioaufnahme wird automatisch gespeichert und heißt zunächst einfach„Idee“. Sie erscheint in einer durch Taktstriche unterteilten Wellenformdarstellung mit automatisch generierten Akkordsymbolen auf dem Bildschirm. Taktart, Tonart, Harmoniefolge – das kann Musikmemos alles „erraten“. Dass es dabei auch zu Fehlern kommt, ist eigentlich klar. Um sie gegebenenfalls zu korrigieren, gibt es verschiedene Bearbeitungsmöglichkeiten.

 

So erscheint die „Idee“ nach der Aufnahme.

 

Die Cyber-Band

Durch Tippen auf die Icons für Bass und Drums lassen sich zwei automatische Begleitinstrumente aktivieren. Lässt man den Finger etwas länger auf dem Touchscreen, erscheint ein Feld mit zusätzlichen Einstellungen. Beim Bass kann ein E-Bass oder ein Kontrabass gewählt werden, beim Schlagzeug „ Modern“ oder „Vintage“ in jeweils drei Varianten. Mit der Positionierung des kleinen Balls innerhalb eines grauen Pads lassen sich Lautstärke und Komplexität der Begleitung steuern.

 

Detail-Einstellungen für Bass und Drums

 

Bearbeitungsfunktionen

Nach Doppel-Tippen, oder längerem Verweilen mit dem Finger auf der Wellenformdarstellung, kommt man zur Ansicht „Details“. Fünf Symbole führen weiter zu den verschiedenen Optionen.

 

Die Bildschirmübersicht „Details“

 

  1. Taktart bearbeiten
    Hier lässt sich nicht nur die automatisch erkannte Taktart ändern, sondern auch die Interpretation des Tempos, sodass der Drummer auf Wunsch doppelt oder nur halb so viele Schläge pro Takt spielt. Die „Downbeat“-Verschiebung versetzt die Betonung „auf der 2“ in Achtelschritten, um den Rhythmus anzupassen, falls dieser nicht richtig erkannt wurde.

    Taktbearbeitung

     

  2. Bearbeiten
    „Cm7“ führt zur Bearbeitung der Noten oder Akkordsymbole. Weil ich in meinem Beispiel nur Einzeltöne gespielt hatte, wurden nur die Notennamen (allerdings unvollständig) angezeigt. Tippt man auf einen Bereich der Wellenform, wird eine Liste mit Akkord-Vorschlägen eingeblendet (nicht in meiner Abbildung).

    Akkordsymbole lassen sich ändern und einfügen. Vorschläge werden angezeigt (nicht im Bild).

     

  1. Idee Trimmen
    Falls die AUTO-Funktion aktiv ist, entsteht am Anfang kein Leerraum. Bei manueller Aufnahme muss zumeist am Anfang und am Ende etwas weggeschnitten werden. Das geht ganz einfach durch Verschieben der senkrechten roten Linien mit den Anfassern.

    Trimmen

     

  2. Notiz
    Die Notizfelder „Capo“ und „Stimmung“ sind vorgegeben, außerdem lassen sich weitere Anmerkungen zur Idee eintragen.
  3. Teilen
    Das kleine Rechteck mit dem Pfeil nach oben führt zu den Export-Optionen. Die Idee kann zu einer anderen App oder zu einem anderen Gerät übertragen werden.

Am unteren Rand des „Details“-Bildschirms findet man noch die Möglichkeit, Tags zu vergeben oder die Idee über  den Papierkorb zu entsorgen.

 

Die Praxis

Bei YouTube findet man Beispiele, wo Akkordfolgen mit der Akustikgitarre eingespielt werden, teilweise auch mit Gesang. Musikmemos erkennt die Akkorde zuverlässig, selbst mit Septimen und Nonen erweiterte Dreiklänge gehören dazu.

Für diesen Test bin ich anders vorgegangen, anstelle einer Akkordfolge habe ich eine einstimmige Melodie auf der Akustkgitarre gespielt. Dabei ist das gleichmäßige Einspielen schwieriger, als wenn man sich mit Gitarrenakkorden in einen Groove hinein „schrammelt“. Leider gibt es kein Metronom in Musikmemos, selbst ein rhythmisch blinkender Punkt wäre da schon eine Hilfe!

So klingt meine spontan aufgenommene Gitarrenspur:

 

Mikrofonierung

Der Sound sollte eigentlich nicht wichtig sein, es geht ja nur darum, eine Idee festzuhalten. Die eingebauten Mikrofone der iOS-Geräte (Ich habe das iPad Air 1 benutzt) bieten keine Studioqualität. Viel besser klingt es, wenn man für die Gitarre ein Ansteckmikrofon verwendet, wie das iRig Acoustic (Achtung Link!)

Mein Test dazu enthält auch Hörbeispiele, die ich teilweise mit derselben Gitarre gespielt habe, die ich hier zur Hand hatte und mit dem iPad-Mikro aufgezeichnet habe.

Nachdem die Bass- und Schlagzeug-Automatik zugeschaltet wurde, klingt es so:

 

Das klingt recht holperig; warum sehen wir gleich.

 

Von der Idee zum Song

Interessant finde ich die Möglichkeit, direkt aus der Idee einen Song zu entwickeln. Ich habe deshalb zunächst die Datei innerhalb des iPads zu GarageBand übertragen. Dort sind jetzt drei Spuren erschienen: die Audioaufnahme der Gitarre, sowie eine Bass- und eine Schlagzeug-Spur als MIDI-Tracks. MIDI-Tracks haben den Vorteil, dass man sie auch anderen Instrumenten zuordnen kann. GarageBand erzeugt automatisch diese Ansicht:

Ansicht der Idee in GarageBand, iOS

 

Ich bin noch einen Schritt weiter gegangen und habe die Tracks auf den Mac übertragen, um sie in Logic weiter zu bearbeiten. (Siehe oben, Punkt 5. „Teilen“.) Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten, u. a. AirDrop, Mail, iCloud Drive.

Will man Bass und Drums mitnehmen, ist zu beachten, dass das richtige Format übertragen wird. In diesem Fall ist „GarageBand Projekt“ richtig (Endung .band). Eine Datei mit der Endung .caf enthält dagegen entweder nur die Audioaufnahme, oder einen Mixdown.

So stellt Logic Pro X die importierte Idee dar:

Die Tempospur zeigt die Schwankungen im frei eingespielten Timing.

 

Jetzt wird auch klar, warum die Cybermen nicht richtig grooven! Die Tempospur zeigt, wie Musikmemos dem schwankenden Tempo meiner freien Einspielung gefolgt ist!

Logic hat, wie auch schon GarageBand, seine eigenen Instrumente den Tracks zugeordnet. Außerdem werden Channel-Strips mit zahlreichen Plug-ins eingefügt (nicht abgebildet und auch nicht benutzt).

So klingt es in Logic ohne Nachbearbeitung:

 

Ich habe dann die Tempospur durchgehen auf 88 BPM gesetzt. Auch die Gitarreneinspielung wurde mit der Flex-Funktion „begradigt“. Die Instrumente habe ich im Mix lauter gemacht:

Die Flex-Bearbeitung der Original-Gitarrenspur

 

 

Andere und zusätzliche Instrumente

Im nächsten Schritt habe ich alle Instrumente bis auf die Original-Gitarrenspur ausgetauscht und bearbeitet, sowie weitere Instrumente dazu gespielt.

Drums: Native Instruments Modern Drummer

Bass: IK Multimedia MODO Bass

Piano: Bechstein Digital Grand

Rhythmusgitarre: Native Instruments Session Guitarist Strummed Acoustic 2

 

So hört sich das Ergebnis an:

 

Alles neu

Das bisherige Ergebnis habe ich mit der Kopierfunktion auf dreifache Länge gebracht und weitere Spuren hinzugefügt. Jetzt habe ich auch die Gitarren-Melodie aus Musikmemos durch eine Audioaufnahme mit meiner E-Gitarre ersetzt, dabei gefiel mir die tiefere Oktave besser.

Das erweiterte Arrangement in Logic Pro X

 

Neue Spuren:

E-Gitarre:
Fender Stratocaster über Plug-in IK Multimedia AmpliTube 4 mit einem Sound der Fender Collection 2.

Akkord-Pad:
Synthesizer Alchemy (Teil von Logic, aber auch von GarageBand für Mac und iOS)

Mastering:

IK Multimedia Lurssen Mastering Console

Ploytec Aroma

 

 

Was ginge noch?

Meine Idee wäre, die simple Melodie der ursprünglichen Idee zu verändern, oder durch eine völlig andere Tonfolge zu ersetzen! – Aber für heute soll es genug sein.

 

Fazit

Apple Musikmemos für iOS st ein nützliches Tool, um spontane Ideen vor dem Vergessen zu bewahren. Die zusätzlichen Features sind zahlreicher, als man es nach einem Blick auf den Startbildschirm vermutet. Vor allem für Singer-Songwriter ist die App geradezu ideal um Akkordfolgen, eventuell sogar mit Gesang, direkt einzuspielen. Akkorde – auch mit Erweiterungen – werden automatisch erkannt und angezeigt. Einzeltöne werden ebenfalls erkannt, allerdings nach meiner Erfahrung weniger zuverlässig.

Was Apple Musikmemos nicht ist: Eine Groove-Box. Das Tempo folgt kontinuierlich der Einspielung und wer nicht hundertprozentig im Timing bleibt, hat anschließend wenig Freude an Bass und Drums, falls man diese Features benutzt. Ein Metronom, oder gar eine Kollektion von Drum-Loops, würde das Einspielen leichter machen. Es würde mich auch nicht stören, wenn der Rhythmusgeber mit auf der Audioaufnahme zu hören wäre, denn wenn wirklich ein Song daraus entstehen soll, wird man die Aufnahme der Idee im allgemeinen sowieso später ersetzen. Als Kompromiss stelle ich mir eine pulsierende optische Anzeige vor, die den Takt vorgibt.

Sehr gut gefällt mir die Möglichkeit, das Ergebnis in GarageBand, sowohl unter iOS als auch am Mac und in Logic zu importieren und weiter zu bearbeiten. Apple Musikmemos ist nicht die „eierlegende Wollmilchsau“, aber ein empfehlenswertes und vor allem auch kostenloses Tool für alle Musiker, die iOS-Geräte besitzen!

Preis: kostenlos

Hersteller: Apple

Bezugsquelle: Apple App Store

Weitere Tipps zum Musikmachen mit mobilen Geräten in meinem Artikel: Musik machen mit iOS und Android.

Meine aktuellen Testberichte und mehr zum Thema Musik immer hier…

 

Ein vollständiges Inhaltsverzeichnis meiner Artikel auf facebook hier…

 

2 thoughts on “Test: Apple Musikmemos

  1. Markus

    Hallo Jürgen, die App habe ich auch mal getestet als sie veröffentlicht wurde. Wirklich eine nette Idee, die Apple da umgesetzt hat. Besser als in Deinem Artikel kann man den Workflow und den Nutzen sowie auch die Timing-Thematik nicht beschreiben. Viele Grüße und ein musikalisches Wochenende, Markus

    Reply
  2. Jürgen Drogies Post author

    Hi Markus,
    ich hatte schon seit über einem Jahr vor, mich mit Musikmemos zu beschäftigen und habe es immer wieder verschoben. Jetzt wurde der Artikel länger als gedacht, weil doch so einiges in der App drinsteckt. Wer welche der Funktionen wirklich brauchen kann, ist sicher individuell sehr verschieden.
    Ich wünsche einen sonnigen Sonntag,
    Jürgen

    Reply

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